Die Venezuelaner haben ihren Präsidenten nicht abberufen, aber die Front steht nach dem Referendum wie eh und je: Staatschef Hugo Chávez feiert seinen Sieg, die Opposition spricht von massivem Stimmenraub. Dabei kann in dieser extrem gespaltenen Gesellschaft keine Seite auf Dauer gegen die andere Hälfte des Volkes regieren. Es sei denn diktatorisch. Chávez hat deshalb an seine Gegner vorsichtige Signale der Versöhnung ausgesandt. Doch sollte sich die Opposition taub stellen, wird sich das ohnehin schon autoritäre Chávez-Regime noch weiter verhärten. Das Parlament ist längst zur Akklamationsinstanz verkommen - der Präsident macht sich gerade zum Herrscher über die Justiz, indem er unbequeme Richter auf verfassungswidrige Weise absetzt. Schließlich will er ein Gesetz auf den Weg bringen, dass es gesellschaftlichen Organisationen jeder Art - Menschenrechtsgruppen und anderen NGOs inklusive - verbietet, Geld aus dem Ausland anzunehmen.

Als Chávez 1999 Präsident wurde, lag der Erdölpreis bei 18 Dollar pro Barrel, heute liegt er bei 45. Venezuela fördert täglich knapp drei Millionen Barrel.

Jeder Preisanstieg um einen Dollar bringt dem Land eine zusätzliche Milliarde Dollar pro Jahr. Die Opposition ärgerte sich grün, dass Chávez mit einem Teil des Geldsegens im Rahmen der von ihm ausgerufenen bolivarianischen Revolution in den Armenvierteln Schulen, Krankenstationen, Alphabetisierungskurse, Versorgungsstellen für Bedürftige finanzierte - und damit Stimmen gewann.

Gewiss, der Präsident hat erst in den letzten Monaten vor dem Referendum sein Herz für die Armen entdeckt und sie massiv mit Petrodollars beglückt.

Gleichwohl stellt er öffentlich immer wieder eine besonders drängende Frage: Wie kommt es, dass in Venezuela, dem fünftgrößten Erdölproduzenten der Welt, der seine kostbarste Ressource schon vor 30 Jahren verstaatlicht hat, vier von fünf Bürgern in Armut leben? Die Opposition, die das Land 40 Jahre lang regiert hat und die politische Klasse repräsentiert, muss sich diese Frage gefallen lassen. Allerdings hält Chávez nur eine allzu simple Antwort parat: Die alte Oligarchie habe in die eigene Tasche gewirtschaftet. Die Chávez-Bilanz sieht nicht besser aus, unter seiner Herrschaft blüht die Korruption ebenso. Trotzdem könnte es einen entscheidenden Unterschied zu seinen Vorgängern geben: Chávez ist eine politische Strategie zuzutrauen, die langfristig endlich auch den Ärmsten hilft. Aus ganz pragmatischen Gründen.

Er braucht eine Machtbasis, und er will in die Geschichte eingehen als derjenige, der das Werk des Nationalheiligen Simón Bolivar vollendet hat.