Es verrät eine westliche Geschichtsauffassung, wenn wir uns auf dem Tiananmen-Platz in Peking immer wieder die Frage stellen: Warum prangt hier das Porträt Mao Tse-tungs und nicht das von Deng Xiaoping? Am 22. August jährt sich Dengs Geburtstag zum hundertsten Mal. Böte das nicht Gelegenheit, den Modernisierer Deng statt des Revolutionärs Mao als den wahren Begründer des modernen Chinas zu feiern und ihm das Porträt am Tor des Himmlischen Friedens zu widmen? Doch nur wenige Chinesen können einem solchen Gedanken folgen. Für sie bleibt Mao ihr Befreier, der Erlöser von Fremdherrschaft und Demütigung durch die Kolonialmächte. Wir im Westen urteilen anders. Denn es war Deng, der China von Isolation und feudaler Führerherrschaft befreite und sein Land für den Austausch mit der Welt öffnete. Vergleichbares ist in der fünftausendjährigen Geschichte Chinas nicht passiert.

"Abkapselung hindert jedes Land an der Entwicklung. Wir haben darunter gelitten, ebenso unsere Vorfahren", erkannte Deng, und er konnte stets nur die Expeditionsreisen des chinesischen Weltenbummlers Zheng De unter Ming-Kaiser Zhu Di (Regierungszeit 1402-1424) als seiner Haltung vorausgegangene "Zeichen einer Öffnungspolitik" erwähnen. Andere Vorgänger hatte er nicht. Auch gab es neben ihm keinen zweiten kommunistischen Führer Chinas, der die Öffnung des Landes als Schlüssel zum Erfolg mit der gleichen Überzeugung vertrat und durchsetzte. Immer wieder forderte Deng: "Wir müssen unser Land der Welt zugänglich machen, das bringt uns keinen Schaden". Damit aber prägte er den Haupttrend unserer Zeit, die Globalisierung, mehr als jeder andere Politiker des 20. Jahrhunderts. Längst ist die Welt ohne China, ist China ohne die Welt unregierbar. Wer Dengs Lebenswerk nicht kennt, wird das 21. Jahrhundert nicht gestalten können.

Das offizielle China macht es der Welt bis heute nicht leicht, Dengs Leistungen nachzuvollziehen. Über hundert Bücher haben chinesische Verlage in den letzten Monaten aus Anlass des bevorstehenden Deng-Jubiläums gesetzt – doch noch keines von ihnen ist in Druck gegangen. Jedes einzelne Manuskript wird derzeit sorgfältig von der Propagandazentrale der Kommunistischen Partei in Peking überprüft. Das war mit Deng-Texten immer so. Bis heute sind viele der wichtigsten Reden Dengs in China entweder unveröffentlicht oder nur in den von der Parteipropaganda redigierten Fassungen erhältlich. Das betrifft insbesondere Dengs parteiprogrammatisch wichtigste Wirkungsphase nach dem Ende der Kulturrevolution, als er, für wenige Jahre, zu den parteiintern radikalsten Kritikern des Maoismus avancierte. Fast jede seiner Stellungnahmen war damals eine Abrechnung mit Mao, die weit über das hinausgingen, was später unter seiner eigenen Schirmherrschaft als offizielle Kritik der Partei an Mao und der Kulturrevolution verlautbart wurde.

Ebenso lückenhaft sind die Erkenntnisse über Dengs nicht lange währende Begeisterung für die Demokratie während der Jahre 1978/79. Was aus den für die Deng-Epoche konstitutiven Debatten überliefert ist, stammt zumeist aus unvollständigen, in den Westen geschmuggelten Protokollen. Heute nachgedruckt, könnten sie in China jederzeit ein politisches Erdbeben auslösen. Deng stellte damals fest, dass die Demokratie in allen sozialistischen Gesellschaften seit der Oktoberrevolution unverwirklicht geblieben sei, pries die "westliche Bourgeoisie" für ihre Form der Demokratie und forderte, deren "gute Punkte" in China nachzuahmen. "Wir müssen ein Weg finden, der den Bürgern klarmacht, dass sie die Herrscher des Landes sind", sagte Deng. Das war am 27. Januar 1979. Wenig später stand er selbst unangefochten an der Partei- und Staatsspitze und verwarf alle demokratischen Gedankenspiele. Doch keine Idee, die er in die Welt gesetzt hat, ist heute schon gestorben.

Nicht nur die Parteizensur trübt den Blick auf Deng. Für viele im Westen gilt er spätestens seit der von ihm angeordneten, blutigen Niederschlagung der Studentenrevolte auf dem Tiananmen-Platz als nur ein weiterer ruchloser Diktator. Nach westlichem Forschungsstand kamen damals, in der Nacht vom 4. Juni 1989, zwischen 600 und 1200 Menschen ums Leben. Nichts kann bis heute ein solches Abschlachten unbewaffneter Zivilisten rechtfertigen. Zugleich aber ist es erlaubt, sich in die Rolle Dengs zurückzuversetzen: Gemessen an seiner Erfahrung beschworen die protestierenden Studenten die Gefahr einer erneuten Kulturrevolution hervor. Von 1966 bis 1973 hatte Deng sechs Jahre lang aus der Verbannung zusehen müssen, wie der jugendliche Radikalismus der Roten Garden Millionen Opfer forderte, das Erziehungswesen lahm legte und die alte Kultur des Landes zerstörte. Zugleich mussten ihn im Frühjahr 1989 die Vorzeichen für einen Zusammenbruch der Sowjetunion beunruhigen. Hinzu kam Dengs Streit mit dem von ihm selbst ernannten Parteichef Zhao Ziyang, der sich auf die Seite der Studenten stellte und damit die Handlungsfähigkeit der Regierung wochenlang blockierte. Man kann die Ereignisse, die zum Massaker vom 4. Juni führten, insofern auch als griechische Tragödie lesen, in der beide Seiten, Deng und die Studenten, zugleich Recht und Unrecht hatten.

Das Ergebnis der Tragödie war niederschmetternd. "Jetzt schien es, dass auch Deng Xiaopings ‚zweite chinesische Revolution’ ihr Leben ausgehaucht hatte, dass ihr die Ideen und Menschen zu ihrer Umsetzung verloren gegangen waren", bilanziert der amerikanische Historiker Richard Baum das Jahr 1989. Dass dennoch alles ganz anders kam, lag an Dengs legendärem Durchhaltevermögen. Noch einmal gelang es ihm, die nach 1989 wieder erstarkte Parteilinke auszumanövrieren. Schon drei Jahre später wählte ihn die Financial Times zum "Mann des Jahres".

In Wirklichkeit zeichnete Deng in seinem Leben für weit größere Katastrophen als das Tiananmen-Massaker verantwortlich. Als von Mao ausgewählter Generalsekretär der KP leitete er 1957 die berüchtigte Kampagne gegen so genannte Rechtsabweichler, auch wenn er ihre Ziele nicht teilte. Wieviele tausend der besten Geister Chinas ihr zum Opfer fielen, weiß man bis heute nicht – eben weil Deng mitverantwortlich war und die Rehabilitierung der Opfer in späteren Jahren halbherzig betrieb. Noch viel schlimmer war der "Große Sprung nach vorn", eine Industriepolitik, die von 1959-61 die Bauern zwang, ihre Felder aufzugeben und Schaufeln und Hacke für die Industrie einzuschmelzen.