Als Carlos im Frühjahr 1999 seiner Frau nach Deutschland folgt, lässt er den damals dreijährigen Rene und die zweijährige Elisa bei Lydias Cousine Aurea zurück. Für Aurea geht das schon in Ordnung, sie hat gerade ihren Job verloren, wohnt wieder bei ihrer Mutter, weiß nicht so recht, wohin mit ihrer Zeit, und schließlich sind sie ja alle eine Familie.

Aber dann vergehen die Jahre. Aurea ist kaum jünger als Lydia, sie hat sich ihr Leben anders vorgestellt. Sie will weg, wieder arbeiten, heiraten, selbst eine Familie gründen. Stattdessen kommt die kleine Rosanna aus Deutschland hinzu.

Zuerst kümmern sich Carlos’ Großeltern um das Baby. Lydia gefällt das nicht, sie will, dass die Kinder zusammen aufwachsen. Seit ein paar Wochen wohnt jetzt auch die heute dreijährige Rosanna bei Aurea. Und will zurück zur geliebten Großmutter. Es gibt Ärger, es gibt Tränen, Aurea wird das alles zu viel. Sie spricht mit Lydia, dann stellt sie mit dem Geld aus Deutschland eine Kinderfrau ein, ein junges Mädchen aus einer bitterarmen Bauernfamilie, die mit ein paar tausend Pesos im Monat zufrieden ist.

Die US-Soziologin Russell Hochschild bezeichnet das als "die weltweite Fürsorgekette": Eine Frau und ein Mann in Deutschland möchten des Kindes wegen nicht auf ihre Arbeit verzichten. Deshalb heuern sie eine Kinderfrau aus den Philippinen an, die daraufhin ihre Kinder nicht mehr sieht. Also engagiert sie ihrerseits Tausende Kilometer entfernt eine Kinderfrau. Eine, die noch ärmer ist als sie.

Einmal die Woche, meistens sonntags, ruft Lydia mit dem Handy bei den Kindern an. Der heute achtjährige Rene erzählt ihr dann zum Beispiel, dass er neulich auf dem Zeichentrickkanal Nickelodeon wieder Blues Clues gesehen hat, eine Sendung, in der eine großohrige Hundedame mit einem Jungen namens Steve ulkige Abenteuer erlebt. Rene kann davon sehr aufgeregt berichten, aber Lydia weiß nichts anderes zu antworten als "Aha" oder "Hm", und dann verliert Rene die Lust, und plötzlich ist ein schmerzhaftes Stocken im Gespräch. Lydia kennt die Sendung ja nicht, die lief erst an, als sie längst in Deutschland war.

Sie schicken Geld, sie rufen an, sie bleiben unsichtbar. Inzwischen kursiert in den Philippinen ein neuer Ausdruck für diese Art von Müttern und Vätern: cellphone parents. Handy-Eltern.