Die arabische Welt ist im Superstar-Fieber. Ganz besonders die Palästinenser. Ihr Vertreter Ammar Hassan, aus einem Dorf bei Nablus im Westjordanland, hat es nämlich bis zum Finale gebracht, das am kommenden Montag in Beirut stattfinden soll. Auf großen Freiluft-Bildschirmen in Ramallah, Bethlehem und in Gaza-Stadt werden die vielen Fans direkt mitverfolgen können, ob er sich gegen den Konkurrenten aus Libyen durchsetzen kann. Die palästinensische Telefonanstalt "Jawwal" hat für diesen besonderen Anlass sogar extra die Preise gesenkt. Und Jassir Arafat soll sich mit dem populären Bewerber persönlich unterhalten haben, besagt ein Gerücht in Gaza.Dessen Würdigung gilt aber in diesen Tagen längst nicht mehr als eine so große Sache. Zwar gab es in den Palästinensergebieten schon länger harsche Kritik an der Autonomiebehörde, der Korruption, Vetternwirtschaft und das Fehlen einer klaren Politik vorgeworfen wird. Doch heute spart der Zorn und die Enttäuschung über die Regierenden den "Rais" nicht mehr aus. Arafats Rede vor dem Parlament am vergangenen Mittwoch hat daran nichts geändert. Im Gegenteil. Die Autonomiebehörde habe Fehler gemacht, die korrigiert werden müssten, versprach Arafat vor den Abgeordneten. "Manche Institutionen haben sich falsch verhalten und manche waren unverantwortlich und haben ihre Positionen missbraucht. (...) Keiner ist gegen Fehler immunisiert, angefangen bei mir," erklärte er und versprach, korrupte Beamte zur Rechenschaft zu ziehen.Sein Auftritt hat aber kaum jemanden überzeugt. Er kam in den Augen vieler Palästinenser zu spät, enthielt zu wenig Substanzielles und bestand einmal mehr nur aus viel versprechenden Worten, denen erst Taten folgen müssen. Aus Arafats Munde also nichts wirklich Neues. Dabei handelte es sich um eine Antwort auf den wachsenden internen Druck, den der "Rais" in den vergangenen Wochen zu spüren bekommen hat - im südlichen Gazastreifen wurden Polizeistationen verbrannt, Demonstranten zogen gegen den Regierungsstil auf die Strasse, eine Pressekonferenz von drei Ministern im nördlichen Beit Hanoun war von bewaffneten Mitgliedern der Al Aksa Brigade unterbrochen worden, noch bevor dort ein Wort gesagt werden konnte. Die Forderung "Reform" ist in aller Munde, dahinter verbirgt sich jedoch vor allem eines - der Wunsch nach Veränderung und neuen Gesichtern. "Sie sollen alle nach Hause gehen, die Minister, die Abgeordneten, die Chefs der Sicherheitskräfte und der Boss ganz oben auch," bringt ein Fatah-Kader aus dem Jabaliya-Flüchtlingslager im Gazastreifen die Lage auf den Punkt. "Wir sind in einer katastrophalen Situation, aus der wir wieder herauskommen müssen." Gute, fähige Leute gäbe es genug, glaubt er, sie müssten nur eine Chance bekommen. Weil aber die letzten Wahlen im Jahr 1996 stattgefunden haben, sitzen immer noch die gleichen am Ruder.Im nächsten Monat sollen sich nun alle wahlberechtigten Palästinenser erstmals wieder registrieren lassen. Jene, die wählen wollen und die gewählt werden wollen. Konkrete Termine gibt es noch nicht. Auch stehen die Chancen nicht schlecht, dass der "Rais" dann trotz aller Kritik am Ende sogar wiedergewählt würde. Aber immerhin bedeuteten Wahlen einen Schritt in die richtige Richtung, sagt der Abgeordnete Ziad Abu Amr. "Denn unsere Institutionen müssen beim Volk relegitimiert werden." Und auf diese Weise käme ein demokratischer Prozess wenigstens wieder in Gang.Ob und wann es Wahlen gibt, das wird aber auch von Israel abhängen. Solange die Checkpoints der israelischen Armee die Palästinensergebiete weiter im Würgegriff hielten, seien freie Wahlen nicht vorstellbar, fügt Abu Amr hinzu. Ministerpräsident Ariel Scharons "einseitiger Trennungsplan" soll erst im Laufe des nächsten Jahres umgesetzt werden. Im Gazastreifen freut man sich auf den Abzug der Israelis und glaubt mittlerweile auch daran, dass Scharon "es tatsächlich ernst meint" mit dem Rückzugplan, doch auch hier wurde seine Niederlage vor einer Likud-Versammlung am Mittwoch mitverfolgt. Die Mehrheit der Mitglieder hatte gegen eine Koalition mit der Arbeitspartei gestimmt. Trotz dieser Ohrfeige will Scharon die Verhandlungen über eine neue Regierung nächste Woche wieder aufnehmen. Anders jedoch hat der Chef der Arbeitspartei, Schimon Peres, auf das "Nein" des Likuds reagiert. Er rief zu vorgezogenen Neuwahlen auf, denn "wir können nicht das Schicksal Israels in den Hände von 800-900 Leuten legen, wenn die Umfragen klar zeigen, dass die Mehrheit der Menschen den Trennungsplan unterstützt." Das mag aber noch nicht Shimon Peres` letztes Wort gewesen sein. Denn auch er ließ in seiner Pressekonferenz noch eine Tür für weitere Verhandlungen über eine "Grosse Koalition" offen.