Wirtschaftshistoriker werden sich eines Tages streiten, wer am Ende aufs Podest gehoben wird: Alan Greenspan oder der unbekannte amerikanische Konsument. Sicher ist heute nur, dass die Weltwirtschaft nach dem Platzen der Aktienblase nach der Jahrtausendwende von beiden gerettet worden ist. US-Notenbankchef Greenspan machte die richtige Geldpolitik, Amerikas Verbraucher konsumierten allen Krisen zum Trotz unverdrossen weiter.

Immerhin rund die Hälfte des globalen Wachstums der vergangenen zehn Jahre geht auf das Konto der amerikanischen Verbraucher, haben Experten der Investmentbank Morgan Stanley berechnet. Jahr für Jahr steigerten die Amerikaner ihre Ausgaben. In den besonders kritischen Monaten der Jahre 2001 und 2002 produzierten die US-Konsumenten sogar fast drei Viertel des Weltwachstums. Dabei machen die Vereinigten Staaten nur rund ein Drittel der in Dollar gemessenen weltweiten Wirtschaftskraft aus.

Jetzt mehren sich allerdings die Anzeichen, dass Amerikas Verbraucher schwächeln. Im zweiten Quartal wuchsen ihre Ausgaben nur noch um ein Prozent gegenüber dem Vorquartal. Zu Beginn des Jahres waren es noch 4,1 Prozent. Dieser drastische Rückgang hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Wirtschaft der USA im zweiten Quartal deutlich langsamer gewachsen ist, als allgemein erwartet wurde.

Woran lag’s? Die Standardantwort lautet: am hohen Ölpreis, der die Kaufkraft schmälert. Falsch, meint Jan Hatzius, der für Amerika zuständige Volkswirt bei Goldman Sachs. Er zeigt anhand der abgebildeten Grafik recht klar, warum der amerikanische Konsum in den vergangenen Jahren so hoch war und warum er nun sinkt: Den Haushalten fehlt es an jenem Extrageld im Portemonnaie, das ihnen in der Vergangenheit dank Steuergeschenken und sinkender Zinsen zugeflossen ist. Denn anders als in Deutschland können die amerikanischen Häuslebauer ihre Hypotheken fast kostenlos umschulden, wenn die Zinsen fallen. Diese Möglichkeit haben sie kräftig genutzt. Reduzierte Zinszahlungen wiederum steigern das frei verfügbare Einkommen.

Im laufenden Jahr gibt es keine neuen steuerlichen Entlastungen. Zum anderen machen steigende Zinsen Umschuldungen unattraktiver. Weil die Zinsersparnis durch Umschuldung 2004 kleiner ausfallen dürfte als im vergangenen Jahr, wird das Haushaltseinkommen der bisher so ausgabefreudigen Konsumenten geringer. Als weitere, allerdings kleinere, Belastung kommt der gestiegene Ölpreis hinzu.

Die Konsequenzen sind klar: Das stürmische Wachstum der amerikanischen Volkswirtschaft ist zu Ende. Denn den Haushalten wird nicht nur ihre Extraportion Geld fehlen, sie müssen auch ihre mickrige Sparquote von 2Prozent aufstocken. Deshalb dürften Wachstumsraten oberhalb von 3,0 Prozent in den kommenden Jahren nur noch schwer zu erreichen sein, schätzt Hatzius. Schließlich ist der amerikanische Verbraucher mit weitem Abstand der wichtigste Motor der amerikanischen Volkswirtschaft. Gut 70 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) werden von seinen Einkäufen erwirtschaftet. Zum Vergleich: In Deutschland sind es gerade mal 55 Prozent.

Ein sich abschwächender Binnenkonsum in den Vereinigten Staaten ist gleichbedeutend mit einer sich abschwächenden Nachfrage nach ausländischen Gütern – der Schiene, über die der amerikanische Verbraucher auch die Weltwirtschaft gerettet hat. Das wiederum heißt, dass auch die Weltwirtschaft schwächeln wird – es sei denn, irgendwo anders werden die Konsumenten ausgabefreudiger. Länder, deren Wachstum wie in Deutschland nur über den Export stimuliert wird, werden die neue Zurückhaltung als Erste zu spüren bekommen.

Dabei sind die Lehren aus der Analyse von Goldman Sachs nicht nur wegen dieser bitteren Konsequenz möglicherweise auch für Deutschland interessant. Vielleicht ist es gar nicht so sehr der Optimismus der Verbraucher, der sie zur Stütze der Wirtschaft macht, sondern das zusätzliche Geld, das ihnen der Staat in die Taschen spült. Vielleicht denken Menschen gar nicht so sehr an morgen, an die künftige Staatsverschuldung oder an die vermeintlich so schlechten Rahmenbedingungen, sondern geben aus, was sie im Portemonnaie haben. Dann gebührte, neben Alan Greenspan und dem amerikanischen Verbraucher, auch der amerikanischen Regierung ein Denkmal für die Rettung der Weltwirtschaft nach der Jahrtausendwende. Dann dürfte sich, zumindest in diesem Fall, auch Amerikas Finanzminister einmal auf das Podest stellen.