Höhle von Johannes dem Täufer gefunden!", feierte die internationale Presse jüngst die angebliche Entdeckung der Wirkstätte des Predigers aus der Wüste. "Zum ersten Mal können wir auf eine Stelle zeigen und sagen: Es ist sehr wahrscheinlich, dass dies der Ort ist, an dem Johannes der Täufer getauft und seine Rituale ausgeführt hat", tönte der britische Archäologe Shimon Gibson (45) in der Times. Hätte der begeisterte Entdecker seine Bibel dabeigehabt, wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass dort von einer Höhle nie die Rede ist. "Und es ging zu ihm hinaus das ganze jüdische Land (…) und ließen sich von ihm taufen im Jordan", steht da bei Markus 1, 5. Im Fluss also. Ist ja auch praktischer, als die 28 Stufen in die Tiefe steigen zu müssen, die in Gibsons Höhle hinabführen.

Doch was hat der Archäologe wirklich gefunden? Vier Kilometer von dem Jerusalemer Vorort Ein Kerem entfernt – wo Johannes aufwuchs –, wohnt im Kibbuz Tzuba Gibsons Freund Reuven Kalifon. Weihnachten 1999 machte der Israeli den Archäologen auf etwas aufmerksam: Am Ende des Nektarinenhains der Kommune führte ein seltsames Loch in den Felsen. Unter dem Schutt des 26 Meter tiefen Lochs kamen ein großes Becken, eine viertel Million Scherben kleiner Krüge, ein Fußabdruck Größe 45 und Wandritzungen zum Vorschein, die unter anderem einen Mann mit Strubbelfrisur und einen einzelnen Kopf zeigen.

Für Gibson ein klarer Fall: Die Krüge dienten rituellen Waschungen, in den Abdruck konnten die Täuflinge ihren Fuß setzen und mit Öl übergießen, und die Zeichnungen zeigen Szenen aus dem Leben des Predigers. So fügte der Archäologe die Puzzlesteine zusammen – mit roher Gewalt. Denn bei genauer Betrachtung passt keins der Stücke zu den anderen. Die ältesten Scherben datieren aus der Mitte des 2. Jahrhunderts nach Christus – da betrachtete Johannes schon lange die Olivenbäume von unten. Die Höhle selber stammt aus der Eisenzeit. Sie wurde wohl um 800 vor Christus aus dem Kalkstein gegraben und bis in das 6. vorchristliche Jahrhundert genutzt. Danach war Schluss mit dem Treiben – bis die Krügezertrümmerer einzogen.

"Die Stätte ist wahrscheinlich das Bindeglied zwischen der jüdischen und der christlichen Taufe", erklärt Gibson die fortdauernde Nutzung der Höhle. Entscheidend ist für ihn die Fußwaschung. Hier handele es sich um "ein Ritual, das sich von der Norm des jüdischen Rituals unterschied". Es drängt sich jedoch die Frage auf, seit wann die Fußwaschung ein Bestandteil der christlichen Taufe sein soll. Im Urchristentum geschah die Taufe durch völliges Untertauchen unter die Wasseroberfläche. So praktizierte es auch die lateinische Kirche bis in das 12. Jahrhundert. Erst im Mittelalter setzte sich das Besprengen mit geweihtem Wasser durch. Die Füße wurden also bei der altbewährten Methode auf jeden Fall nass. Sie mussten nicht extra gewaschen werden.

Eine plausiblere Interpretation hat Michael White, Direktor des Institute for the Study of Antiquity and Christian Origins an der University of Texas, parat: In der Höhle befand sich die Attraktion eines frühchristlichen Massentourismus. "Komm und lasse dich taufen, wo Jesus einst getauft wurde." Bis zu dreißig Leute passten in das Taufbecken. Nach White war es vom 4. bis zum 6. Jahrhundert für Pilger durchaus üblich, an die Wirkstätten von Gottes Sohn und seinen Freunde zu reisen. Das erklärte auch die Wandverzierungen im zeitlich später einzuordnenden byzantinischen Stil. Der gezeichnete Struwweljohannes an der Wand lieferte das passende Ambiente für die Touristen.

Auch Gibson hält den Dargestellten für Johannes. Denn der Täufer gehörte zu den Nasiräern, die durch ihre ungeschnittenen Haare auffielen. Der Kopf wäre dann der, um den König Herodes Antipas ihn kürzer machte, nachdem Johannes allzu laut in der Öffentlichkeit über das lasterhafte Treiben des Monarchen mit seiner Schwägerin Herodias nachgedacht hatte.

Im 11. Jahrhundert geriet die Höhle in Vergessenheit. Als Gibsons "Sensationsfund" kehrt sie plötzlich zurück. Zufällig zeitgleich mit der kruden Theorie erscheint das Buch The Cave of John the Baptist. Autor ist Shimon Gibson. Als Archäologe mag er nicht viel taugen. Aber er ist ein großartiger Verkäufer.