Ein Schnaufen, Kratzen, Schabgeräusche. Plötzlich ein Jubelschrei. Einer wirft den Spaten fort und gräbt mit bloßen Händen weiter. Dann hält er triumphierend einen Gegenstand hoch: eine kleine Flasche! Leicht trüb das Glas, aber voll erhalten und von berückend schöner Kontur. Der glückliche Finder lässt seine Finger über die verschlungenen Schriftzeichen und die Riffelung gleiten. Ein uraltes Fundstück. Eine Sensation.

Athen im Jahre 4500 nach Christus. Wir wissen nicht, ob es dort sengend heiß ist oder lausekalt. Ob es noch Menschen gibt oder andere Lebewesen. Genau dieses Unwissen ist die Basis einer neuen Wissenschaft, die hier und jetzt und zu Ehren der Olympischen Sommerspiele 2004 ins Leben gerufen werden soll: die Vorauseilende oder Spekulative Archäologie. Die von dieser Wissenschaft zu beantwortende Frage lautet: Was finden Wesen, wenn sie in 2500 Jahren graben, wo die Olympischen Spiele der Neuzeit stattfanden? In Athen, München, Moskau, Atlanta? Was wird der Zahn der Zeit verschonen, was nicht einmal mehr Schall und Rauch sein?

Aus heutiger Sicht unschwer zu identifizieren ist der beschriebene Fund: Eine Flasche, von einem der aktuellen Hauptsponsoren der Spiele, von Coca-Cola. Die braune Brause ist jedoch längst im Grundwasser versickert, Bodenfeuchtigkeit ließ die Kronkorken durchrosten. Der Glasbehälter dagegen gehört zum Beständigsten, was die Menschheit herstellt. Diese Erkenntnis der Spekulativen Archäologie fußt auf wissenschaftlicher Expertise. Reinhard Conradt, Professor am Kompetenzzentrum für Glas an der RWTH Aachen, erklärt: "Zumindest an der Luft verliert Glas außer Schönheit nichts. Tausend Jahre bedeuten da gar nichts."

Die chemische Beständigkeit von Glas ist enorm. Mag es oberflächlich auch etwas eintrüben, die Form bleibt erhalten. Beim Bauen gern verwendete Verbundgläser können jedoch rapide altern. Integrierte Folien nehmen Wasser auf, quellen und sprengen das Glas. Von den Fronten moderner Sporthallen wird der späte Schürfer nur noch Splitter finden. Wie Glas altert, das zeigen jahrtausendealte gläserne Funde: Ölkännchen, in denen reiche Athleten im antiken Olympia ihr Körperöl aufbewahrten. Sie schimmern inzwischen leicht bläulich, sind aber immer noch von wunderschöner Form. Ärmere Sportler füllten das Körperöl in Bronzegefäße. Auch bronzene Schabeisen zum Abkratzen der öligen Dreckschicht vom Athletenkörper sind erhalten.

Das lässt heutige Drittplatzierte hoffen: Ihre Bronzemedaillen werden Jahrtausende überdauern. Noch bessere Prognosen haben natürlich die Medaillen aus Edelmetall. Silber läuft zwar an, aber die Sulfidschicht schützt das Innere nachhaltig. Auf Gold beißt der Zahn der Zeit vergeblich. Die sieben Goldenen, die der Schwimmer Mark Spitz 1972 gewann, werden seine sterblichen Reste vielfach überdauern. Außer er würde dereinst im rappeltrockenen Schwemmsand des antiken Olympia beerdigt. Würden in 2500 Jahren die Gebeine des Ausnahmeathleten aus dem Sand gezogen, ließen sich aus kräftigen Schlüsselbeinen und prächtigen Schulterblättern Rückschlüsse auf seine sportliche Betätigung ziehen.

Ob die Sportler dopten, lässt sich nicht feststellen. Anabolika und andere leistungsfördernde Chemie werden sich längst in Luft aufgelöst haben oder vom Regen fortgespült sein. Zu den heikelsten Materialien in der Spekulativen Archäologie gehören Kunststoffe. Sie gelten auch in der zeitgenössischen Archäologie schon über lächerlich kurze Zeiträume, Jahrhunderte!, als hoch problematisch. Museumsfachleute warnen vor der lebhaften Chemie der Polymere, die Unesco gibt Listen zum desaströsen Langzeitverhalten von Kunststoffen heraus.

Nehmen wir den Siegerschuh von Bob Beamon, der 1968 in Mexico City 8,90 Meter weit sprang: Weichmacher wie Tri-Iso-Octylphthalat werden zum Bakterienfraß, der Schuh zerbröselt. Nur die Polyester-Schnürsenkel werden eine Zeit lang übrig bleiben, Sonnenlicht erledigt aber auch sie. Unter normalen Bedingungen sind Beamons Rekordtreter in spätestens 500 Jahren spurlos verschwunden.

Von manchen Olympioniken zeugen unverwüstliche Knochen aus Titan