In einem Privatclub neben dem Justizpalast trifft sich Wiens ägyptische Szene zum Spielen und Plaudern. Nur Mohamed ElBaradei fehlt. Der prominenteste Ägypter Wiens, Generaldirektor der UN-Atombehörde IAEA, meidet seine Landsleute. "Der kommt nicht einmal in die Moschee", heißt es. "Muss er als Muslim auch nicht", entgegnet ein Bekannter der Familie und ergänzt: "Sie werden in ganz Wien keinen einzigen Ägypter finden, der sagt, dass er seinen Job ElBaradei verdanke."

So soll es sein. Es gibt wohl nur wenige diplomatische Ämter, die so viel Takt und Genauigkeit verlangen wie dasjenige des Director General, des "Dee Gee", wie man ihn in der "Agency" ehrfurchtsvoll nennt. Der Mann muss Tag für Tag Erstaunliches leisten. Die Contenance bewahren, wenn ein Mullah erklärt, die Vereinbarkeit von Atominspektionen mit der Scharia sei ungeklärt. Sachlich bleiben, wenn die Unterstellung über den Atlantik kriecht, der Ägypter sei in Nahostfragen Partei. Bemessenen Abstand halten, wenn Araber ebendies von ihm erwarten. Den Deutschen erklären, warum selbst ihre durch und durch zivilen Atomanlagen inspiziert werden müssen. Den Osteuropäern nahe bringen, weshalb die Sicherheit ihrer AKW keine innere Angelegenheit ist.

"Haben Sie’s gemerkt? Er redigiert sich selbst beim Sprechen"

Und immer auf Feinheiten achten. Nuklearfragen sind heikel, Fehler können tödlich sein. Während der Irak-Krise ging ElBaradei so weit, nahöstlichen Medien Interviews in Arabisch zu verweigern. Er ist dermaßen sprachbewusst, dass Mitarbeiter von ihm sagen: "Haben Sie’s gemerkt? Er redigiert sich selbst beim Sprechen."

Gelernt ist gelernt. Seit 40 Jahren ist der Mann Diplomat. Der frisch gebackene Jurist aus Kairos bester Gesellschaft trat schon als 22-Jähriger in den Dienst des ägyptischen Außenministeriums; das war 1964. Sein Weg führte ihn sogleich nach Genf und New York. Aus der Ferne musste er das Desaster von Nassers Panarabien-Politik mit ansehen, die in der traumatischen Niederlage des Sechs-Tage-Krieges 1967 gipfelte. Diese Jahre hätten ihn gelehrt, dass man stets "das Gebiet der Übereinstimmung erweitern" müsse, sagt er. Und da war noch mehr; der aufstrebende Twen erlebte Amerikas Außenminister Henry Kissinger und all die anderen Größen der Weltpolitik, und er lernte, wie ihre Institutionen funktionieren – bis hin zum UN-Sicherheitsrat.

Nach einer Karriere in internationalen Organisationen stieg ElBaradei bei der Atombehörde recht weit oben ein. 20 Jahre ist das her. Nein, er werde das Jubiläum nicht feiern, sagt er und lächelt fein, darin sei er auch nicht so gut. 

Das ist untertrieben. Auf Festen, wenn er denn zugegen ist, findet man den "Dee Gee" am Rande stehend anstatt mittendrin, und als ihm einmal der Sahneposten der ägyptischen Diplomatie angeboten wurde – Botschafter in Washington –, warnte ein Freund: "Weißt du, wie viele Dinnerpartys dir da blühen?" Er blieb in Wien.

Sosehr der Chef auf Distanz hält, seiner knapp 25 Personen zählenden Entourage ist er zugänglich. Montags gilt die Regel, dass seine Mitarbeiter jederzeit ohne Voranmeldung in sein Arbeitszimmer kommen dürfen. Und wenn eine Rede auszuarbeiten ist oder ein Artikel, dann lässt der gewiefte Jurist die Entwürfe kreisen, bis jedes Wort sitzt – zuweilen nach 25 Versionen. Ein einziges Wort kann entscheidend sein für Krieg und Frieden, ihm ist das bewusst.