ZEIT: Als Analphabetin einen Literaturwettbewerb gewinnen – hätten Sie sich das vorstellen können?

Bettina Wannags-Lesny: Absolut nicht. Ich bin funktionale Analphabetin. Das heißt, ich konnte perfekt lesen, doch mit dem Schreiben hatte ich Schwierigkeiten. Aber ich bin in einem Kurs für kreatives Schreiben. So hatte ich schon ein bisschen geübt. Trotzdem war ich von den Socken, als ich gehört habe, ich hätte den ersten Preis gewonnen. Das konnte ich gar nicht glauben.

ZEIT: Sie waren nicht überzeugt von Ihrem Text?

Wannags-Lesny: Ich war versucht, ihn gar nicht abzugeben, denn ich fand ihn nicht besonders gut. Dabei hat mich das Gemälde Der Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich sehr angesprochen. Das Bild, das den Wanderer auf dem Gipfel stehend zeigt, diente als Anregung. Dieser Berg symbolisiert mein Orthografie-Defizit. Im Text wandere ich auf den Gipfel, wobei ich immer wieder stolpere. Wie in den vergangenen neun Jahren, in denen ich schreiben lernte.

ZEIT: Wie ist das, als Erwachsene schreiben zu lernen?

Wannags-Lesny: Schwierig. Ich hatte erst versucht, mit meiner Tochter mitzulernen. Das funktionierte nicht. Ich brauchte einen eigenen Kurs, musste alles neu pauken und alte Muster vergessen – etwa, bewusst unleserlich zu schreiben, damit keiner die Fehler bemerkt. Ich bin Kauffrau für Groß- und Außenhandel und habe als Kontoristin gearbeitet. Da habe ich mich mit Tricks und Ausreden durchgewurschtelt. Das ist sehr stressig und für das Selbstvertrauen nicht gerade erbaulich.

ZEIT: Wie hat Ihre Familie nun darauf reagiert, dass Sie den Wettbewerb gewonnen haben?

Wannags-Lesny: Meine inzwischen 17-jährige Tochter wusste bis dahin gar nicht von meiner Schreibschwäche. Ich musste ihr erst einmal erzählen, dass ich an einem Schreibkurs teilnehme. Sie hat aber toll reagiert. Überhaupt: Meine Familie war stolz auf mich. Ich hingegen habe überlegt, ob ich in dem Rummel um die Preisverleihung anonym bleiben soll.

ZEIT: Und nun geben Sie ein Interview.

Wannags-Lesny: Manchmal frage ich mich, ob das wirklich so gut ist. Aber ich kann ja stolz sein auf den Preis. Meine Familie hat mich ermuntert, dazu zu stehen – und so ist das mein Coming-out.

Interview: Jörg Walser