Kein Wort, kein Rascheln, keine Regung. Kerzengerade sitzen sie auf ihren Stühlen und sind doch entspannt: 14 Frauen und vier Männer. Sie hören dem weißhaarigen Professor zu, der mit ruhiger Stimme Anweisungen gibt. Gerade hat er gesagt, dass sie jetzt all das, was ihnen durch den Kopf schwirrt, wegpacken sollen. In einen dicken Ordner, auf dem "Zur Wiedervorlage" steht. Und so verbreitet sich eine angenehme Leere in den Köpfen, dazu die Leichtigkeit, an nichts denken zu müssen, eine Minute lang, vielleicht auch zwei. Dann holt Professor Wahsner die 18 Lehrer zurück in die Wirklichkeit der Bremer Universität, sie öffnen ihre Augen und blinzeln, die Konzentrationsübung ist vorbei. Die Gelassenheit bleibt.

Wie auf der 9. Bremer Sommeruni haben Lehrer überall im Land die Sommerferien genutzt, um sich fortzubilden. Um sich die Lust am Unterrichten zu erhalten. Anstatt gleich in den Urlaub zu verschwinden, haben sie barfuß Yoga-Kurse zur Stressbewältigung absolviert, Erzählworkshops belegt oder Einführungen in die Nutzung neuer Medien im Unterricht mitgemacht – und dafür sogar oft noch Gebühren gezahlt. Auch wenn es dem immer noch verbreiteten Klischee der faulen Pauker widerspricht: Fortbildung spielt im Leben vieler Lehrer eine immer wichtigere Rolle. Das lässt sich schon an den Teilnehmerzahlen der universitären und staatlichen Seminare ablesen, die in den vergangenen Jahren in die Höhe geschnellt sind. "Total ausgebucht" seien sie, meldeten etwa die Zentren für Lehrerfortbildung in Bayern und Sachsen zu Ferienbeginn. Die Schulanfangstagung des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) in Hamburg allein verzeichnete Anfang August 3400 Anmeldungen, was fast einem Viertel der gesamten Lehrerschaft in der Stadt entspricht. Bei der von der Bremer Universität veranstalteten Sommeruni erschienen mehr als 250 Kollegen.

"Ich genieße es, ab und zu wieder in die Rolle des Studenten zu schlüpfen", sagt Rainer Pfaff, der an einem Bremer Gymnasium Chemie und Biologie unterrichtet. Seine Kollegin Sabine von Gröling-Müller spricht sogar von einer "Bereicherung der Lebensqualität" durch die neuen Erkenntnisse und den Austausch mit den Kollegen. Sie war schon zum vierten Mal dabei auf dem Bremer Campus mit seinen Glas-Beton-Klötzen und den Straßenfluchen. Jedes Jahr sucht sie sich ein Schwerpunktthema aus dem Veranstaltungskatalog. Diesmal war das Yoga. "Das könnte ein wunderbares Mittel sein, um Aggressionen bei Schülern abzubauen", sagt sie.

Sanfter Zwang und neuer Schwung

Doch trotz aller Begeisterung: Nicht alle Kollegen von Gröling-Müllers und Pfaffs kommen freiwillig. Nach Schätzungen der Fortbildungszentren nimmt etwa jeder dritte Lehrer so gut wie nie an Fortbildungen teil, während ebenfalls ein Drittel seiner Kollegen die Kurse fest in ihren Berufsalltag eingebaut hat. Zudem gibt es deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Altersgruppen und Schulformen: Junge Lehrer lassen sich auf den Seminaren häufiger blicken als alte, Grundschullehrerinnen öfter als die Kollegen vom Gymnasium. Mehrere Bundesländer haben daher jetzt eine Mindestzahl an Fortbildungsstunden festgelegt, die jeder Lehrer nachweisen muss. In Hamburg sind das 30 Stunden außerhalb des regulären Unterrichts pro Jahr, in Bayern zwölf volle Tage in vier Jahren. Auch der Bremer Schulsenator Willi Lemke, der während der Sommeruni die Lehrer noch für ihr freiwilliges Engagement gelobt hatte, strebt offenbar eine vergleichbare Größenordnung an – zu Recht, wie der Hamburger LI-Direktor Peter Daschner sagt: "In Zukunft muss schon in der Ausbildung klar sein, dass kontinuierliche Fortbildung unerlässlich ist. Mit dem zweiten Staatsexamen ist man berufsfähig, aber längst nicht berufsfertig." Im Klartext: Es geht nicht darum, dass Lehrer ein paar Entspannungsübungen machen, wenn sie gerade mal dazu Lust haben, sondern es geht um eine ständige Qualitätsverbesserung ihrer Arbeit.

In Hamburg entscheidet daher auch der jeweilige Schulleiter, welche Kurse er auf die 30Stunden-Verpflichtung anrechnet und welche Privatvergnügen seiner Lehrer bleiben. Der LIDirektor wünscht sich darüber hinaus eine teilnehmerbasierte Datenbank für mehr Transparenz der Nachfrage nach Fortbildung. Damit, so Daschner, ließe sich genau feststellen, ob und wie sich die Lehrer nach Fächern, Schulformen und Schulen an Fortbildung beteiligen. "Wo es weiße Flecken gibt, muss man nachsteuern – die Angebote verändern, das Marketing verbessern oder die Schulleiter am Portepee fassen." Jetzt könnte man denken, dass Daschner mit seiner Datenbank-Idee die Lehrer gegen sich aufbrächte. Das ist aber keineswegs so. "Das Problem ist, dass die negativen Beispiele das Gesamtbild vermiesen", sagt Maria Pander, die an einer Grundschule im Hamburger Bezirk Wandsbek arbeitet und zum sechsten Mal bei der Schulanfangstagung mitmacht. "Den Leuten, die Fortbildung meiden, tut ein bisschen Druck daher ganz gut."

Ein bisschen Druck, der gut tut – Heike Zimmer hat sie oft gesehen, die erstaunliche Wandlung, wenn ein Kollege zuerst voller Skepsis zum Kurs erscheint und mit einem Mal merkt: So schlimm ist das gar nicht. An diesem Morgen hält die Trainerin für Unterrichtsentwicklung ihren Workshop "Selbstorganisiertes Lernen" in einem heruntergekommenen Klassenzimmer im Gymnasium Dresden-Cotta. Alle 90 Lehrer mussten zur Pflichtfortbildung erscheinen. Immerhin hatten sie die Wahl: Auch die Kurse "Lernen lernen" und die "Moderationsmethode" werden von den Trainern angeboten. In Zimmers Kurs hocken 15 Kollegen, beim Reinkommen haben einige noch mürrisch dreingeschaut. Doch nach zwei Stunden Teamarbeit, inklusive lebendiger Diskussion mit Hilfe von Gruppenpuzzle und Gedächtnistraining, haben sich die Gesichter aufgehellt, und beim Rausgehen sagt jemand: "Darüber könnte man ewig philosophieren." Heike Zimmer lächelt, als sie das hört. "Wenn man das schafft, dann hat’s geklappt", sagt sie. "Dann ist Fortbildung ein positives Erlebnis, das inspiriert, Gewohntes zu hinterfragen."

Manchmal spornt auch die Hoffnung auf Beförderung an