Wer verstehen will, warum Deutschland nicht auf die Beine kommt, sollte weniger über Hartz IV reden. Und mehr über Basel II. Seit die großen Zentralbanken und Finanzaufseher weltweit neue Regeln für die Kreditvergabe beschlossen haben, sind diese überall ein Thema: bei Handwerkern, die trotz voller Auftragsbücher kein Darlehen bekommen. Bei Maschinenbauern, denen die Bank nahe legt, den Geldgeber zu wechseln. Bei ostdeutschen Firmen, denen der Bankberater sagt, es liege an ihrem Standort, dass sie kein Geld mehr erhalten. "Die Stimmung in den Betrieben ist schlecht", sagt Helmut Rödl, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Wenn der Mittelstand tatsächlich das Rückgrat der Wirtschaft ist, dann ist es kein Wunder, dass Deutschland im Rollstuhl sitzt.

Fast 20 Millionen Menschen arbeiten, forschen und entwickeln in den mehr als 3,3 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen der Republik; vor allem von ihnen hängt ab, ob Deutschland wächst oder stagniert. Im Mittelstand entstehen mehr Patente, mehr Innovationen, mehr Jobs als in den großen Konzernen. Eigentlich. Denn traditionell finanzieren sich diese Unternehmen vor allem über Kredite. Ohne Darlehen aber gibt es weniger Forschung, weniger Investitionen, weniger Wachstum – und weniger Jobs.

Weil ihnen das Geld fehlte, hätten viele Mittelständler zuletzt wichtige Investitionen aufgeschoben, hat das Münchner ifo Institut ermittelt. Würde die Finanzierungsnot gelindert, könnte die deutsche Wirtschaft, verteilt über mehrere Jahre, "um bis zu fünf Prozent zusätzlich wachsen", meint ifo-Forscher Gernot Nerb. Das entspräche einem gigantischen Konjunkturprogramm. So aber bleiben im ganzen Land die Investitionen hinter dem Ausmaß zurück, wie es früher für den Beginn eines zaghaften Aufschwungs typisch – und notwendig – war.

Doch die Finanzlage der meisten Unternehmen verbessert sich nicht, sondern verschärft sich noch. "Während wenige große Firmen schon wieder Kredite bekommen, haben vor allem viele kleinere zu kämpfen", sagt Jan Evers von der Unternehmensberatung Evers und Jung in Hamburg. "Für sie sind die Kreditkosten so hoch wie nie." Und das hat auch mit einem weiteren Übel zu tun: Nicht einmal mehr die Sparkassen vergeben bereitwillig Darlehen. Bisher hatten die öffentlich-rechtlichen Institute damit geworben, den großen Credit-Crunch verhindert zu haben. "Während die privaten Einzelbanken ihr Engagement reduzierten, baute die Sparkassen-Finanzgruppe ihren Anteil an den Unternehmenskrediten weiter aus", heißt es in der hauseigenen Diagnose Mittelstand 2004. Und nun? "Der Rahmen ist sehr restriktiv geworden", so der stellvertretende Vorstandschef einer großen Sparkasse. "Unsere Kreditbestände werden Ende des Jahres niedriger sein."

Im Klartext heißt das: Weniger Kapitalisten kommen an Kapital.

Wenn Dieter Schaible* über seine Bank spricht, wird er ganz leise, fast so, als solle bloß niemand hören, dass er, der Autozulieferer, auf einmal keinen Kredit mehr geliefert bekam. Kein Geld von seinem Geldhaus zu bekommen, das gilt in der kleinen Stadt zwischen Mannheim und Stuttgart, wo Schaible fast 80 Menschen Arbeit gibt, als Makel. Es könnte die Leute ja darauf hinweisen, dass mit der Firma etwas nicht in Ordnung ist.

Tatsächlich weisen Probleme mit der Bank oft darauf hin, dass mit dieser Bank etwas nicht in Ordnung ist: zu hohe Kosten für Filialen und Technik, zu hohe Kreditausfälle in der Vergangenheit, die nun die eigene Bilanz belasten. "Viele Institute sind immer noch sehr mit sich selbst beschäftigt", sagt Stefan Paul, Professor für Finanzierung an der Universität Bochum. Weil die Geldhäuser mit ihren Krediten sorglos umgingen und diese Sorglosigkeit einige von ihnen an den Rand des Ruins führte, werden jetzt umso weniger Darlehen vergeben. Das Pendel schwingt in die andere Richtung. Und trifft auch die Unschuldigen.