Junge traf Mädchen in einer Kirche. Beide waren nicht zum Beten gekommen. Sie wollten den Pfarrer gegen das Regime predigen hören. Für das Mädchen war die Veranstaltung eine Touristenattraktion. Dem Jungen war sie ein Anliegen. Er hatte getan, wozu ihm sein Biograf geraten hatte, dieser unsichtbare Schutzengel, der ihn auf all seinen Wegen lenkte. Der Biograf hatte ihm gesagt, er solle nach Berlin gehen, und hatte ihn schließlich auch in die Kirche im Osten der Stadt gelotst, weil dort Geschichte gemacht wurde und der Junge dabei sein sollte, um alles zu notieren.

Der Junge war überzeugt davon, dass er eines Tages zu den Großen Männern gehören werde. Über sich nachdenken hieß für ihn vergleichen. Entweder er würde ein zweiter George Orwell oder ein zweiter Winston Churchill sein. Oder erst das eine und dann das andere. Schon jetzt war er ganz erfüllt von seinen künftigen Siegen. Der stets gegenwärtige Biograf zeichnete inzwischen schon mal seine Jugend auf. Im Augenblick war der Biograf allerdings ziemlich entsetzt. Sein Held, dieser stramme Bursche von 23 Jahren, war immer noch ein keuscher Jüngling. Dagegen musste etwas getan werden.

Die eigentliche historische Bedeutung der Predigt in der Kirche bestand nach Ansicht des Jungen also darin, dass auch das Mädchen dort gewesen war. Es hatte sich verspätet, aber die Geschichte selbst hatte es durch die Menschenmenge zu ebenjener Bank geführt, in der der Junge schon saß. Mit einem Nicken verständigten sie sich darüber, dass sie hier beide Außenseiter waren, und saßen dann eine Zeit lang schweigend nebeneinander. Schließlich ergriff das Mädchen die Initiative und flüsterte: "Wer bist du?"

Mit dem Stolz eines jungen Mannes, der von seinem Biografen begleitet wird, antwortete er: "Ich bin ein Cambridge-Historiker."

Das Mädchen sah ihn genauer an. Es sah die glatten, rosigen Wangen, die eines Rasiermessers noch kaum bedurften, es sah die hohe, von dunklen Locken umhangene Stirn, die runden, fast schwarzen Kinderaugen und brach in Lachen aus.

Er drehte sich um und suchte nach dem Grund für ihre Heiterkeit, sah aber nur den Pfarrer und die gebannt lauschende Gemeinde und musste sich eingestehen, dass er irgendetwas nicht mitbekommen hatte. Er wandte sich wieder dem Mädchen zu. Sie lachte jetzt nicht mehr, sondern betrachtete ihn mit ungehöriger Neugier. Er warf einen Blick auf seine Finger. Sie waren noch da, noch sauber. Dann sagte sie zu ihm: "Ich heiße Alice, und wie heißt du?" So stellte sich doch noch heraus, dass er John hieß.

Johns erster Brief an Alice – eine Woche später – enthielt eine wilde Bitte, die er in ihrer Gegenwart nicht über die Lippen gebracht hatte: Sie möge ihn von seiner Unschuld befreien. Nach der Predigt hatten sie zusammen zu Abend gegessen, waren dann in Parks umherspaziert und durch Straßen geschlendert. Während sie sich unterhielten, hatte er immer wieder Anspielungen eingestreut, hatte seinen Mangel an Kontakten zum anderen Geschlecht erwähnt, seine jahrelange Inhaftierung in Jungeninternaten, seine Schüchternheit an der Universität. Alice war eines der ersten Mädchen, mit denen er sich je unterhalten hatte. Und wie seltsam, sagte er, dass sie irisch war. Katholisch! Er versuchte, sein Entzücken über das Schockierende dieser Tatsache zu überspielen. Es begeisterte ihn auch, dass sie aus einfacheren Verhältnissen stammte als er. Ihr Vater war Arzt, seiner dagegen verdiente Geld, verschenkte es aber auch wieder und genoss hohes Ansehen für die Umsicht, mit der er wohltätige Einrichtungen und politische Parteien unterstützte. John gab zu, dass er sich gar nicht vorstellen könne, wie das wäre – in einem einfachen Haushalt aufzuwachsen, gleich nebenan in die Schule zu gehen, abends daheim bei den Eltern zu sein, mit Kindern – Mädchen! – zu toben und ohne weiteres Bekanntschaft zu schließen. Alice ihrerseits quetschte ihn nach Einzelheiten über das Leben der Oberschicht aus, ließ sich nichts entgehen und staunte über jede Kleinigkeit. Sie wusste, wie man Leute zwingt, über völlig unwichtige Dinge zu sprechen.

Kurz, Alice und John, beide jung, beide allein in einer großen, fremden Stadt, waren voneinander fasziniert.