Seit 13 Jahren sind wir nun zusammen. Sie begleitet mich in jeden Urlaub und in jede Stadt, auf jeden Berg und jedes Familienfest. Seit sie bei mir ist, bin ich in Sorge, dass ihr etwas zustößt. Seit sie bei mir ist, trage ich sie vorsichtig auf Händen. Seit sie bei mir ist, habe ich Angst, sie zu verlieren. Zugegeben, manchmal ist sie etwas kompliziert. Sie ist empfindlich. Sie braucht sehr viel Aufmerksamkeit. Seit 13 Jahren passe ich deshalb auf sie auf. Dafür kann ich mich stets auf sie verlassen, zuverlässig dokumentiert sie mein Leben. Eigentlich ist sie mein Leben. Meine alte, analoge Spiegelreflexkamera.

Seit einiger Zeit aber wird unsere Beziehung infrage gestellt. Der Zeitgeist flüstert: »Was willst du noch mit der Alten? Such dir ’ne Neue!« Aber der Zeitgeist hat keine Ahnung.

Spiegelreflexkamera – flößt nicht das Wort allein Respekt ein? Väter haben Spiegelreflexkameras. Großväter haben Spiegelreflexkameras. Früher lagerten sie in abschließbaren Wohnzimmerschränken, die geöffnet wurden wie Altäre, bei Bedarf. An Geburtstagen, zu Weihnachten. Damals trugen die Männer ihre Spiegelreflexkameras, wie Frauen Babys tragen. Spie-gel-re-flex-ka-me-ra, das sind sieben Silben deutsches Wirtschaftswunder, sieben Silben Ernsthaftigkeit, sieben Silben Technik, sieben Silben Gewicht, sieben Silben »Vorsicht, mein Junge, nicht fallen lassen!«. Welche Ehre, wenn man mal durchgucken durfte.

Als ich 1991 meine eigene Spiegelreflexkamera kaufte – schwarz, schwer und gebraucht lag sie im Schaufenster eines Fotogeschäftes –, hatte ich gerade Abitur gemacht. Onkel und Tanten schrieben Karten, auf denen sie Glück wünschten »auf dem weiteren Lebensweg«, auch schrieben sie vom »Erwachsenwerden«. Doch erwachsen wurde ich nicht durchs Abitur; ich wurde es durch den Kauf dieser Kamera. Ich schloss zu meinem Vater auf. Wir legten unsere Spiegelreflexkameras auf den Couchtisch und verglichen. Seine Yashica, meine Nikon. Ich glaube, wir redeten damals zum ersten Mal von gleich zu gleich.

Es ist nicht lange her, da war der Kauf einer Spiegelreflexkamera solch ein Initiationsritus. Und wer sich zu seiner Spiegelreflexkamera auch noch Wechselobjektive kaufte oder gar ein Stativ, war endgültig erwachsen. Aber jetzt?

Jetzt laufen erwachsene Menschen plötzlich mit Kinderkameras herum. Ja, je größer die Leute werden, desto kleiner werden ihre Fotoapparate – ganz anders als früher. Sie sagen dann immer: »Ich hab mir jetzt auch eine Digitalkamera gekauft.«

Wie oft ist dieser Satz zurzeit in jedem durchschnittsdeutschen Freundeskreis zu hören? Ich hab mir jetzt auch,ich hab mir jetzt auch,ich hab mir jetzt auch. Ein seltsam defensiver Satz, der mehr nach schlechtem Gewissen als stolz klingt. In der Konsumgeschichte haben diese »Ich hab mir jetzt auch…«-Sätze stets eine Zeitenwende eingeleitet. Es gab die »Ich hab mir jetzt auch einen Farbfernseher gekauft«-Zeitenwende, die »Ich hab mir jetzt aucheinen Computer gekauft«-Zeitenwende, die »Ich hab mir jetzt auch ein Handy gekauft«-Zeitenwende und kürzlich die »Ich hab mir jetzt auch eine Espressomaschine gekauft«-Zeitenwende. Jetzt sind wir mitten in der »Ich hab mir jetzt auch eine Digitalkamera gekauft«-Zeitenwende.

Im vergangenen Jahr wurden erstmals mehr digitale als anologe Kameras verkauft, fünf von sieben Millionen neuen Fotoapparaten, doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Nach diesem Urlaubssommer werden sich die Relationen noch weiter verschieben, befeuert von Ferienfachsimpeleien unter Freizeitfotografen am Hotelbuffet: »Boah, wie klein!«– »Da kannste die Bilder sofort angucken. Und sogar löschen!« – »Und so viel Speicherplatz!«

 

In fünf Jahren, schätzt die Branche, werden mehr digitale als analoge Kameras in Gebrauch sein, und wenig später wird die analoge Fototechnik auf dem Schrotthaufen der Erinnerungen landen, so wie vor ihr schon Schreibmaschinen, Wählscheibentelefone und Filterkaffeemaschinen. Dieses Mal ist das echt bedauerlich.

Warum eine teure Kamera kaufen, um dann schlechte Fotos zu machen? Bilder ohne Brillanz und Tiefe, seltsam teigig, wie mit der Küchenrolle ausgerollt. Auch das hört (und sieht) man ja in jedem durchschnittsdeutschen Freundeskreis: Erst erzählen alle, was für eine tolle Digitalkamera sie sich gekauft haben – und jetzt entschuldigen sie sich für ihre schlechten Bilder. »Aber ich will ja nur knipsen«, sagen sie dann. Ich nicht.

Es ist das erste Mal, dass ich den technischen Fortschritt nicht nur aus Faulheit oder Überforderung nicht mitmache, sondern aus Überzeugung. Doch wenn schon der Kauf einer Spiegelreflexkamera Initiationsritus war – was ist dann erst das Festhalten daran? Altersstarrsinn?

Mittlerweile gleiten fast jeden Morgen Digitalkameraprospekte aus meiner Zeitung, als wolle das große Saturnmediamarkt-Kartell auch den letzten Trottel überzeugen, dass »5 Mio. Pixel«, »3fach optisches und 3,3fach digitales Zoom«, »großer 2Zoll-Monitor«, »16 MB interner Speicher«, »9Punkt-Autofocus«, »21 Programme zur einfachen Bedienung« und »easy share« echt besser sind als meine alte, schwere Nikon.

Ich aber will nicht mit ausgestreckten Armen fotografieren. Ich möchte von vornherein gute Fotos machen, keine schlechten, die ich dann am Computer aufhübschen muss – trotz »5 Mio. Pixeln«, »16 MB internem Speicher«, »9-Punkt-Autofocus« und »21 Programmen zur einfachen Bedienung«. Ich will weiter fünf, sechs Filmdosen aus dem Urlaub nach Hause bringen, eine sorgsam gehütete Beute, die leicht nach Lösungsmittel riecht und deren genauen Inhalt ich noch nicht kenne. Ich will es weiterhin spüren, dieses Gefühl des Gefahrenguttransports, wenn ich meine Kamera zur Hand nehme: Was, wenn der Rückdeckel aufspringt? Was, wenn der Film nicht richtig zurückgespult ist? Diesen bangen Augenblick jedes Mal, wenn ich die Kamera öffne – und die Erleichterung jedes Mal, wenn alles in der Dose ist, 36 unbekannte Schätze. Ja, vor allem will ich nicht schon im Urlaub Urlaubsfotos betrachten. Ich will ihn weiter gehen, den Gang zum Fotogeschäft, das erst aus diesen unbekannten Schätzen sichtbare Bilder macht, wodurch aus zwei Wochen Urlaub drei Wochen Urlaub werden, gekrönt von der Überraschung, dass ein ganz anderes Foto als erwartet das schönste ist. Und wie besinnlich sie ist, diese Woche des Wartens nach jedem Urlaub: Erst mal lüften, die Post durchsehen, Wäsche waschen und dann die Filme wegbringen. In den Tagen darauf verblasst die Bräune, verblasst auch der Urlaub – und dann kommt er zurück in Tüten.

Kurz gesagt: Was ist, verglichen damit, die Gleichzeitigkeit von Fotografieren, Betrachten und Löschen? Diese digitale Abtreibung.

 

Immer wieder führt sie zu kleinen Stillosigkeiten. Auf Hochzeiten versiegen Tischgespräche, weil sich inzwischen jeder zweite Gast die Bilder anschaut, die er gerade erst gemacht hat. Niemand mag noch tanzen, weil er sofort mit kompromittierenden Fotos konfrontiert wird. Überall Pixelpaparazzi. (Kein schönes Gefühl auch, anschließend im eigenen Beisein gelöscht zu werden.)

Aber, aber, sagen da die Digitaljünger, endlich verliere das Fotografieren seine Erhabenheit, werde – »bei ausreichender Speicherkapazität« – befreit von den engen Grenzen der 24er- und 36er-Filme, befreit auch vom bildungsbürgerlichen Herrschaftswissen um Tiefenschärfe, Belichtungszeit und Blende. Die klassenlose Digitalgesellschaft unterscheide kaum mehr nach Pocketkameras, Sucherkameras und Spiegelreflexkameras. Endlich freier Zugang für jeden! Und so billig!

Bei einem 36er-Film muss man haushalten wie Hans Eichel . Drei Fotos von Omas Achtzigstem, vier von der Hochzeit des besten Freundes, fünf vom Wochenende am Badesee. Kein Wunder, dass sich die Deutschen in einer Zeit, in der alles knapp wird – Arbeit, Öl, Trinkwasser –, für die fast unbegrenzte Ressource der digitalen Fotografie begeistern. Aber macht nicht erst die Furcht, ein Bild zu verschwenden, den Knipser zum Fotografen? Das Warten auf den Moment, das beste Licht, den richtigen Augenblick?

»Fotografieren, das heißt den Atem anhalten«, hat Henri Cartier-Bresson einmal gesagt. Man legt an, direkt ans Auge, zielt, zögert, und wenn alles stimmt, löst man aus. Martialisch gesagt: Analoges Fotografieren ist Schießen, digitales ist Ballern. Ist Fotografieren, ohne denken zu müssen. Alles »easy share« eben: Ich schlafe nicht, ich lerne Englisch! Abnehmen, ohne zu fasten! In diesem Jahr hat der BLV-Verlag sogar ein Buch veröffentlicht, das Lazy Fitness heißt, Untertitel: Mit wenig Aufwand viel erreichen. Lazy Fitness. Wahrscheinlich ist das so etwas wie digitale Fitness.

»Aber eine Digitalkamera ist suuuper für Schnappschüsse!«, sagt der Freundeskreis zuletzt. Oft jedoch lösen ausgerechnet diese Schnappschusskameras erst nach kleinen Ewigkeiten aus – wenn ihre Chip-Hirnchen die »5 Mio. Pixel« sortiert haben, schnappt der Schuss nur noch ins Leere. Da bleibt den ehemals stolzen Besitzern nur noch der Trost, dass ihre Kameras »von Generation zu Generation besser werden«. Das haben sie vor fünf Jahren auch schon gesagt. Nach digitaler Zeitrechnung sind also schon einige Generationen vergangen, und manche Kamera ist auf den Friedhöfen der enttäuschten Hoffnungen begraben worden.

Früher war eine Kamera ein Lebensbegleiter.

 

Natürlich gebe es die auch digital, schreit mich die Saturnmediamarkt-Propaganda an. Nur kauft die keiner. Zu kompliziert. Kein »easy share«. Und vor allem zu teuer. Eine digitale Spiegelreflex, deren Leistung mit der einer analogen vergleichbar wäre (»fotografieren wie mit Ihrer Alten«, säuselt’s im Prospekt), kostet um die 1500, gern auch 5000 Euro. Da ist sie dann wieder, die Kamera für die oberen Zehntausend, und darunter blitzt und zoomt die Masse der Kleinkameras. Ist das klassenlose Fotografie? Digitale Demokratie?

Man ahnt: Es ist Diktatur. Der Markt macht mich zur Minderheit. Ich ändere mich nicht und werde doch zum Außenseiter. Nur noch rund 140 Millionen Negativfilme wurden im vorigen Jahr in Deutschland verkauft. Klingt viel? Das sind nicht mal mehr zwei für jeden Deutschen. Die traditionsreiche Firma Agfa-Gevaert hat in der vergangenen Woche verkündet, sich vom Fotogeschäft zu trennen – obwohl sie doch eine Fotofirma ist. Das ist ungefähr so, als würde Mercedes aufhören, Autos zu bauen. Aber das Filmgeschäft, in dem Agfa in Deutschland 30 Prozent Marktanteil hatte, wird immer schwieriger, im ersten Halbjahr 2004 brach der Absatz um mehr als zehn Prozent ein. »Vormarsch der digitalen Technik bremst Filmabsatz«, melden die Zeitungen.

Noch prügeln sich die anderen Firmen in einem ruinösen Preiswettbewerb, doch irgendwann wird auch die letzte aufgeben, und ihre »Restbestände« werden in Kühlhäusern lagern. Wenig später wird ein einziger Film an die 10Euro kosten, dann 15, dann 20, und irgendwann wird es ihn gar nicht mehr geben. Verzweifelt werde ich nach Farbnegativfilmen fragen, doch junge Verkäufer werden nicht mehr wissen, wovon ich rede – und stolz darauf sein. Aber ich werde weitersuchen. In längst vergessenen Fotogeschäften tief in der Peripherie. Auf Flohmärkten. In Selbsthilfegruppen. Ich werde graue Pullunder tragen, zu kurze Hosen und eine Brille mit furchtbar dicken Gläsern. Meine Spiegelreflexkamera und ich, wir werden einsam alt werden, und die Zeitungen werden hämische Artikel drucken über schrullige Typen wie mich.

Wenn ich dann nicht schon in die Beschaffungskriminalität abgerutscht bin.