Nach dem Ablauf des Ultimatums am Dienstagabend um 21 Uhr bleibt das Schicksal der beiden entführten französischen Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot ungewiss - und immer ungewisser. Unterschiedliche Quellen widersprechen sich. Das letzte Gerücht streute am Mittwoch die Arabische Liga mit ihrer Behauptung, das Ultimatum sei falsch verstanden worden. Es gälte nicht 24, sondern 48 Stunden. Der arabische Sender al-Arabija hatte dagegen am Dienstagnachmittag gemeldet, die Freilassung der beiden Geiseln der Organisation Islamische Armee Iraks (IAI) stehe "unmittelbar" bevor. Eine Stunde später kam jedoch die kalte Dusche: Der sunnitische Rat der Religionsgelehrten (Ulemas) im Irak bedauerte, dass er mit den Geiselnehmern keinen Kontakt herstellen konnte und befürchte, "dass es zu einer Hinrichtung kommen werde".In einem von al-Dschasira veröffentlichten Video am Montag forderten erneut beide Journalisten, das Kopftuchgesetz in Frankreich abzuschaffen: "Wir ermahnen das französische Volk und jeden Franzosen, der den Wert des Lebens kennt, gegen das Kopftuch-Gesetz zu demonstrieren, um es abzuschaffen, denn wir befinden uns in Lebensgefahr", sagte Georges Malbrunot in englischer Sprache. "Ich appelliere an den Präsident Chirac und die französische Regierung, guten Willen gegenüber der arabischen und muslimischen Welt zu zeigen, indem sie unverzüglich das Kopftuchgesetz abschaffen", sagte - ebenfalls auf Englisch - Christian Chesnot. "Ich ermahne die französischen Bürger, gegen dieses Gesetz zu demonstrieren, weil es ein falsches und ungerechtes Gesetz ist. Sollte es nicht abgeschafft werden, steht unser Leben auf dem Spiel. Es ist eine Frage der Zeit, vielleicht von Minuten, bis wir zu den Toten zählen."Seit Sonntag aktiviert die französische Regierung ihr diplomatisches Netz, um die beiden Reporter frei zu bekommen. Außenminister Michel Barnier begann seine Krisen-Tournee in der Nacht von Sonntag in Ägypten und flog danach nach Jordanien. "Das endgültige Ziel ist, zu versuchen, durch alle möglichen Mittel und die veröffentlichte Meinung die Freilassung der beiden Journalisten zu erreichen. In dieser Hinsicht war der Besuch in Kairo sehr effizient. Die mediale Wirkung war maximal", kommentierte ein Diplomat des Quai d’Orsay. Die französische Diplomatie versucht, jede Stimme, die in der arabisch-muslimischen Welt zählt, gegen die Geiselnehmer zu mobilisieren. Frankreich verfügt traditionell über Sympathie in den arabischen Ländern und will dieses Kapital nutzen. Barnier erinnerte in Jordaniens Hauptstadt Amman daran, dass Frankreich "immer für die Unabhängigkeit, die Souveränität dieses Landes" (Irak) plädiert habe und seinem Volk und dessen Leiden stets verbunden gewesen sei. "Wir sind von der Solidarität aller islamischen Geistlichen sehr berührt", sagte der Außenminister.In der Tat, eine Front der Ablehnung aus allen muslimischen Strömungen hat sich gebildet. Die respektierten sunnitischen und schiitischen Geistlichen urteilen, dass die Entführung von Unschuldigen islamwidrig sei. "Dies widerspricht allen Regeln der islamischen Religion", verkündete der höchste sunnitische Imam, Scheikh Mohamed Sayed Tantaoui von der Universität al-Azhar in Kairo. Einflussreiche Länder wie Ägypten, Jordanien oder Iran verurteilen die Verschleppung. Innerhalb des Iraks forderten der sunnitische Rat der Ulemas sowie Islamisten und salafistische Organisationen die Freilassung von Chesnot und Malbrunot. Dazu kommen die Äußerungen von radikal-islamischen Organisationen wie der libanesischen Hizbollah oder der pakistanischen Dschamaat-i-Islami.Chaos beherrscht die Umgebung von Faludscha, Ramadi, Latifiya oder Mahmudia, die Städte, in denen die Geiseln festgehalten werden könnten. Diese Orte entschlüpfen der Kontrolle der irakischen Regierung. Das Hauptproblem besteht darin, den richtigen Mann zu finden, den Vermittler, der einigermaßen über die Mittel verfügt, die die Entführer beeinflussen könnten. Radikale sunnitische Gruppierungen, ehemalige Baathisten und Verbrecher vermischen sich und bewegen sich ohne klare Logik. In diesem Umfeld bleibt fragwürdig, ob die "Islamische Armee Iraks" empfänglich ist für die Ermahnungen aller Welt – und für die Prinzipen des Islam, die offenbar für den italienischen Reporter Enzo Baldoni, ermordet von der IAI am vergangenen Donnerstag, oder für die zwölf Nepalis, am Dienstag von der Gruppe Ansar el Sunna getötet, nicht galten.