Was einmal als Erfolgsversprechen für Galerien galt, regelmäßige Öffnungszeiten sowie ein stringentes Ausstellungsprogramm, lockt heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Füllen sich bei den Vernissagen zwar noch die Räume, herrscht während laufender Ausstellungen zumeist gähnende Leere. Die eigentlichen Markt- und Vermittlungsplätze sind inzwischen die immer zahlreicher werdenden Messen - und die der zeitgenössischen Kunst gewidmeten Auktionen. Dazu kommt, dass viele Sammler inzwischen gezielt mit den Agenten ihrer bevorzugten Künstler Kontakt aufnehmen. Der Misserfolg des >Auslaufmodells Galerie< schadet vor allem der Entdeckung und Förderung junger Talente. Die Galerien reagieren auf unterschiedliche Weise.

In Paris haben in diesem Sommer die drei bedeutenden Galerien Durant-Dessert, Beaubourg und Marc Pagneux ihre Räume aufgegeben, weil sie jede für sich nach einer zeitgemäßeren Form der Kunstvermittlung und des Handels suchen. Und auch Marianne und Pierre Nahon im südfranzösischen Vence ließen im Juli das Inventar des Château Notre Dame des Fleurs von Sotheby's versteigern, um nach zehn Jahren wieder die Künstler- und Sammlerbetreuung aus ihrem Privathaus in Paris heraus zu führen. Die Ursache war in diesem Ausnahmefall nicht zu wenig Zuspruch, im Gegenteil. Rund 60 000 Besucher pro Jahr ließen das Galeristenpaar nicht mehr zum Arbeiten kommen. Auch die Genfer Topgalerie Jan Krugier verkleinerte ihre New Yorker Dependance. Zugunsten einer intensiveren Zusammenarbeit mit Sammlern und Museen auf dem Feld der klassischen Moderne soll der neue Showroom nur noch für Privatkunden geöffnet sein.

Diesen Luxus können sich allerdings nur etablierte Unternehmen mit einem festen Kunden- und Künstlerstamm leisten. Über gebündelte Aktivitäten suchen derzeit Galerien zeitgenössischer Kunst unter anderem in Hamburg und Paris verstärkt den Weg in die Öffentlichkeit. Mit einer gemeinschaftlich publizierten Broschüre, 15 000 Exemplare, werben zehn Galerien zwischen Chevaleret und Bibliothèque parallel zur glanzvollen Pariser Biennale des Antiquaires (15. bis 28. September) für ein anspruchsvolles Künstlerprogramm, wie mit James Turrell bei Almine Rech, mit Öyvind Fahlström bei Air de Paris, mit italienischem Design von den fünfziger Jahren an bei Keo. Eine gemeinsame Vernissage gibt es am 11. September - dazu koordinierte Öffnungszeiten bis zum 6. November (Info: 0033/1/45 84 52 60).

Auch in Hamburg setzt man auf Einigkeit. Erstmals gelang es der Arbeitsgemeinschaft Hamburger Galerien, mehr als 30 in der Hansestadt etablierte Kunstunternehmungen zu einem gemeinsamen Galerienwochenende (3.

bis 5. September) unter dem Label Der rote Punkt (dem Erkennungszeichen für eine verkaufte Arbeit) zusammenzuführen. Galerienrundgänge haben zwar in Köln, München, Berlin und anderen Städten längst eine Tradition, doch Hamburg verfolgt eine besondere Idee. Nicht nur die Füße der Besucher sollen bewegt werden, sondern auch deren Köpfe. Informationen sowie einen virtuellen Rundgang bietet die von der Kulturbehörde spendierte und vom 1. September an geschaltete Website www.galerien-in-hamburg.de. Drei Kunsthistoriker begleiten am Samstag, den 4. September, von 12 bis 20 Uhr angemeldete Besucher auf drei Routen zu einem Dutzend Galerien. Acht Stunden Schauen, Zuhören, Fragenstellen hat der Crashkurs in Sachen Kunst zum Inhalt.

Schwellenängste sollen abgebaut und Lust auf weitere Erkundungen geweckt werden.

Damit es nicht beim unverbindlichen Vernissage-Vergnügen bleibt, werden Aussteller und Künstler mit den Interessierten ins Gespräch über Werke und Aufgaben der Galerien, über Preise, Sammlerfreuden und Marktmechanismen gebracht. Das Spektrum reicht vom Cobra-Künstler Gust Romijn bei Brockstedt und Zeichnungen des - auch anwesenden - Schauspielers Armin Müller-Stahl bei Abrahams über die Seaviews von Elger Esser bei Sfeir-Semler, bis hin zu Chansons über schräge Frauengestalten bei KeramiKonzentrat. Die Hamburger Verkehrsbetriebe stellen Busse bereit (www.guided-tours@online-de). Wir dürfen uns einer neuen Generation nicht verschließen, die Trends hinterherläuft, statt selbst zu entdecken, sagt die in der Arbeitsgemeinschaft aktive Hamburger Galeristin Renate Kammer, da ist es gut, wenn alle an einem Strang ziehen.