Erinnern Sie sich an Marcels Mama, als sie ihm eines Wintertags, er kommt durchfroren nach Haus, heißen Tee und dazu diesen (den inzwischen der Teufel holen soll) legendären Biskuit reicht, diese Madeleine? Natürlich erinnern Sie sich, verzeihen Sie überhaupt die Frage! Der Geschmack des Biskuits im Tee bringt Marcel dann auf die Tante Léonie in Combray und ihren Biskuit im Lindenblütentee, und dann beginnt es, dieses Niederfahren ins Gewesene, in Prousts Recherche.

Anderer Leute Romanfiguren haben aber auch Mütter oder Tanten, haben Großmütter sogar. Zum Beispiel hat der französische Schriftsteller Joris-Karl Huysmans einmal einen kleinen Roman geschrieben, in den achtziger Jahren damals, Der Junggeselle; deutsch erschien er unter diesem Titel 1905, von Ellen Godwyn übersetzt und mit einem Umschlag von Berthold Löffler (Löffler, einer der berühmten Wiener Jugendstilgrafiker).

Held ist ein Mann namens Folantin, der sich, im dritten Kapitel, auf die Einladung eines gewissen Martinet eingelassen hat. Martinet führt ihn erst in ein scheußlich vulgäres und lautes Restaurant, in dem es sehr schlechtes Essen gibt, und dann, nachdem sie irgendwo eine sehr schlechte Havanna geraucht haben ("wieder ein Vergnügen, das im Entschwinden begriffen ist; selbst wenn man es sich etwas kosten lässt, kann man sich jetzt keine ordentliche Zigarre mehr verschaffen", so Folantin zu sich), schleppt ihn Martinet in die Komische Oper.

Vor einem leeren Haus spielt man erst Richard Löwenherz (von Grétry wahrscheinlich), dort erinnern Folantin die Spinettmelodien, wie er sie nennt, an die Drehorgel eines Weinstubenbesitzers, den er manches Mal aufgesucht hatte, und dann eben, im zweiten Akt, zaubert ihm, wie es heißt, denn in ihrem Lehnstuhl hat sie sie öfter vor sich hin gesummt, die Arie Ein brennendes Feuer seine Großmutter vor Augen, und "während einer Sekunde fühlte er den Geschmack der Biskuits im Munde, die sie ihm immer gegeben hatte, wenn er brav gewesen war".

Im dritten Akt denkt Folantin weder an die Drehorgel noch an die Großmutter, aber "plötzlich spürte er in seiner Nase den Duft einer alten Schachtel, die er bei sich zu Hause hatte, ein unbestimmter modriger Duft, in dem etwas wie Zimtgeruch schwebte". Und er sagt sich: "Mein Gott, wie alt das doch alles war!"

Das ist alles anders als bei Prousts Marcel, simpler, andersherum; hübsche, an und für sich eher nichts sagende Melodien wecken (und nun aber doch schon völlig unwillkürlich) Erinnerungen, und an Biskuits immerhin eben auch, und an alte Düfte, das müsste ja alles nicht sein, und hinschreibenswert wird das auch nicht ohne weiteres ausgesehen haben zuerst, da gehörte schon was dazu.

Neulich hat der Proust-Herausgeber Luzius Keller herausgekriegt, dass Proust einen Brief kannte, in dem Wagner Semmeln erwähnt, die ihn an was erinnert hätten. Semmeln! Ich bitte Sie!