So weich hat man Gerhard Schröder selten erlebt. Er spricht von seiner Familie, von seiner ältesten Tochter und natürlich von der Kleinen, vom Adoptivkind Viktoria. Das alles in warmen, fast begeisterten Tönen, typisch junger Vater eben. Oder vielleicht mehr als nur typisch. Viktoria ist das erste Kind, das Gerhard Schröder zu sich in die Familie holt. Sonst war er es, der hinzukam, der hineingeheiratet hat. Und die Dreijährige dürfte das erste Kind sein, das zu ihm Papa sagt. Und Punkt. Mehr soll man darüber nicht schreiben, einmal sowieso, weil es seine Privatsphäre ist, und dann, weil Viktoria ihre eigene Geschichte nicht aus der Zeitung erfahren soll oder von Dritten, sondern von ihren neuen Eltern, Schritt für Schritt, wie es dem jeweiligen Alter des Kindes entspricht.

Diese Familiengeschichte lässt den politisch so umstrittenen Kanzler populärer erscheinen, zusammen mit dem Foto am Grab seines Vaters, zusammen auch mit seinen eindrücklichen Auftritten in der Warschauer Altstadt und zum Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie.

Es fällt zurzeit schwer, diesen Menschen Schröder nicht zu mögen. Am vergangenen Sonntag, beim Tag der offenen Tür im Kanzleramt, waren entgegen seinen eigenen Erwartungen alle recht freundlich zu ihm. Nur ein Mann hielt schüchtern ein DIN-A4-Blatt hoch, auf das er mit Kugelschreiber gekritzelt hatte: Hartz IV muss weg.

Selbst die etwa 60 Demonstranten, die am Dienstag in Wittenberge seine Rede zur Einweihung des umgebauten Bahnhofs stören, werden erst richtig laut, als die Fernsehkameras zu ihnen rüberschwenken. Ohnehin ist "der" Osten, der hier demonstriert, ziemlich gemischt; es sind Fans des Kanzlers dabei, die ihre digitalen Fotoapparate hochhalten, und Fanatiker des Protests, die ihre Fäuste schütteln. Bei einigen hat man den Eindruck, sie seien beides in einem: Sympathisanten und Demonstranten. Ach ja, und dann fliegt noch ein Ei, oder waren es zwei? Sie treffen ihn nicht, stattdessen ausgerechnet Brandenburgs netten Ministerpräsidenten Matthias Platzeck. Mit Eiern kann man nicht gut zielen.

Ein DIN-A4-Blatt und ein Ei – keine schlechte Bilanz für einen Kanzler, der seinem Volk so viel Schmerzen bereitet. Umso erstaunlicher, wie harsch Gerhard Schröder in Wittenberge, bei seiner ersten Begegnung mit dem neu empörten Osten, reagiert. Zuerst bekundet er langzähniges Verständnis für jene, deren "private Wünsche" über das hinausgehen, was die Politik ohnehin schon alles für sie macht. Und dann geht es los gegen die, "die sich im Protest erschöpfen" und sich "vergehen an der Zukunft des Landes", sie alle befänden sich auf einem "verdammt falschen, großen Irrweg". Dass er mit Reden nicht überzeugt, kann der Kanzler gerade noch verstehen. Doch dass Taten nicht überzeugen, dass die Einweihung einer 76 Millionen Euro teuren Infrastrukturmaßnahme mit Pfiffen quittiert wird, das überschreitet seinen Horizont. Und geht ihm über die Hutschnur.

Doch ist sein fehlender Ost-Ton, seine mangelnde Ansprache an "die" Ostdeutschen nicht nur emotional. In der ruhigen Atmosphäre des Kanzleramtes legt er seine politpädagogischen Gründe dar. Auf die Menschen in Ostdeutschland speziell zuzugehen könne ja nur zweierlei bedeuten. Entweder noch mehr Geld, das habe er nicht; oder eine patriarchalische Ansprache. Da jedoch fragt sich der Kanzler, ob er, der "für den Gesamtstaat zuständig ist", den Menschen den fürsorgenden Vater vorspiegeln darf – den BRDDR-Staat, den es nicht mehr gibt. Fertig sei er mit dieser Frage noch nicht. Aber erst mal redet er sehr nüchtern mit dem Osten wie mit dem Westen. Immerhin herrscht insoweit Gleichbehandlung.

Franz Müntefering und Gerhard Schröder machen seit einiger Zeit noch andere Experimente mit der politischen Pädagogik. Nachdem weder die philosophische Überhöhung der Agenda 2010 noch ihre autoritäre Dekretierung so recht funktioniert hat, verlegen sie sich neuerdings ganz auf die lutherische Variante ("Wir stehen hier und können nicht anders") und auf die hermeneutische. Sie wollen öffentlich etwas herausfinden und vorführen. Und zwar so: Müntefering droht mit einem linken, bürokratischen Monster wie jüngst mit der Ausbildungsplatzabgabe oder derzeit mit dem gesetzlichen Mindestlohn. Schröder stellt sich nicht frontal dagegen, sodass die Stichworte des SPD-Vorsitzenden genug politisches Gewicht bekommen, um etwas in Bewegung zu setzen. Vor allem Gedanken. Der Mindestlohn zum Beispiel treibt die besonders wegen der Zumutbarkeitsregelungen gegen Hartz IV polemisierenden Gewerkschaften in ihre eigenen Widersprüche. Der Mindestlohn ist also pädagogisch nützlich, ohne ökonomisch schaden zu können. Denn, natürlich: Er wird nicht kommen. "Klug" findet da der Gerhard den Franz. Wenn ihre aktive Zeit vorbei ist, könnten die beiden glatt einen Lehrstuhl für politische Pädagogik besetzen.

In der Öffentlichkeit nimmt kaum jemand der sozialdemokratischen Doppelspitze solche bewusste Arbeitsteilung ab. Man wartet auf den Bruch, auf den Sturz des einen durch den anderen. Noch sieht es nicht danach aus. Die Sache mit dem Mindestlohn haben sie am Dienstag vergangener Woche telefonisch besprochen. Am Mittwoch darauf hat sich der Kanzler in seiner Pressekonferenz entsprechend vorsichtig geäußert ("relevante Diskussion"). Danach hat Müntefering seine Äußerungen wiederholt. Am Montag dieser Woche ließ Schröder verlauten: "Die Regierung sieht keinen Handlungsbedarf." Am Dienstag machte Bild daraus: "Kanzler gegen Mindestlohn". Noch am selben Tag widersprach der dieser schroffen Formulierung. So kompliziert kann die Feinarbeit zweier (fast) gleich mächtiger Männer sein. Doppelspitzen können der Sache durchaus dienen, nur den jeweiligen Protagonisten schadet sie auf die Dauer, zu kompliziert und zu aufreibend ist es, arbeitsteilig zu agieren, ohne sich teilen zu lassen.