Zwei marmorne Dichterbüsten auf kleinen Säulen stehn in dem Garten, in dem die beiden Leonoren auf und ab wandeln, als der Vorhang zu Goethes Tasso aufgeht. Jede hat eben einen kleinen Kranz geflochten, aus Lorbeer die eine, die andre aus Blumen. Die eine setzt nun ihren Lorbeerkranz Vergil aufs kühle Haupt, die andre sagt: "So drück ich meinen vollen frohen Kranz / dem Meister Ludwig auf die hohe Stirn – Er, dessen Scherze nie verblühen, habe / gleich von dem neuen Frühling seinen Teil."

Ludwig, das ist der wunderbare Ariost. Nachher kommt Tasso zu den beiden Leonoren dazu und kriegt den Lorbeer Vergils seinerseits aufs Haupt – eine richtige Entscheidung, denn Tasso, zehn Jahre nach Ariosts Tod geboren (1544), fühlte sich ganz und gar als Staatsdichter in Vergils Nachfolge und setzte sich dann auch in einem kleinen Pamphlet von Ariost ab, den er als bedenkenlosen Fabulanten in der Nachfolge Homers sah. Lorbeer also für ihn, aber Blumen, Frühlingsblumen (und wenn Sommer wäre, ganze Sommergärten voller Blumen) für Ariost.

Zwar fabuliert auch Tasso, unvergleichlich schön ist seine Armida, eine Zauberin, tausendmal gemalt und zum Singen herrlicher Opernarien gebracht; und ein Schuft auch, wer nicht weint, wenn Monteverdis Tancred den Tod Clorindas beklagt. Aber bei Ariost, in diesem so herrlich gar nicht endenden Rasenden Roland, ist im Grund die ganze Welt ein Zauberwerk. Zauberschlösser, Zauberwälder übersäen ein fantastisches Abendland (mit offenen Grenzen ins Land der Mohren, der Chinesen, der Araber), durch das Ritter ziehen, auf der Suche nach nichts als Abenteuern oder schönen Frauen, die dann etwa nackt an Felsen am Meer gebunden darauf warten, dass entweder das Ungeheuer kommt, dem sie geopfert worden sind, oder der Ritter, der sie rettet – und dann kommen beide, das Ungeheuer durchs Wasser, der Ritter auf einem geflügelten Pferd durch die Luft.

Hippogryph heißt dieses Zauberpferd, kurz vor Goethe war Wieland ein großer Ariost-Leser, sein berühmter Oberon beginnt mit einem Blumenkranz fast so schön wie Leonores: "Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen, ihr Musen, / zum Ritt ins alte romantische Land! / Wie lieblich um meinen entfesselten Busen / der holde Wahnsinn spielt…" Schöne Zeiten das, Goethes, Wielands, Musen und Busen, sind sie ganz vorbei? 1970 hat Italo Calvino Ariosts Rasenden Roland nacherzählt, für seine Landsleute zuerst, vielleicht lesen auch sie nicht mehr das ganze Riesenbuch. Calvino macht das so, dass er eine bezaubernd leichte und anmutige Einleitung gleich übergehen lässt in die Erzählung selbst; dass er immer nur kleine Stücke wie nebenher selbst erzählt und dann Ariost zu Wort kommen lässt, mit ausgewählten Strophen (das sind achtzeilige gereimte Stanzen); dann erzählt er wieder eine halbe Seite und so weiter. Insgesamt behält er von den rund 4800 Stanzen Ariost runde 900.

Wir haben es im Deutschen sehr gut, kurz vor Goethes Tod hatte einer der berühmtesten damaligen Übersetzer, Gries, den Orlando furioso in wirklich klingende deutsche Verse gebracht. 1980 gab es diese Übersetzung wieder, und jetzt gibt es das Buch, das eben Calvino (ein Zauberer auch er in der Nachfolge Ariosts) damals gemacht hat. Burkhart Kroeber hat Calvinos Texte in so leichtfüßige deutsche Nacherzählungen gebracht, wie sie keiner von uns hätte schreiben können, und hat in diese Texte die 900 Strophen Ariost in der Übersetzung von Gries gebettet. Vierhundert Seiten lang ist das jetzt ein Vergnügen, als ginge man selbst nun auf und ab im schönsten aller Gärten, ganz unvermutet mit einem Mal hineinversetzt, man wusste gar nicht, dass es das gibt.

Johannes Grützke hat Illustrationen gemacht, Zeichnungen, die ein bisschen aussehen, als werde der ganze höfische Ariost ins tölpelhaft Bäuerische transponiert; man würde sich schwer tun als Ritter, solche Mädchen zu befreien. Aber wenn sie dann wieder aus Worten dastehn, die Schönen, in Kleidern aus nichts als Worten, auf Schlössern, in Gärten aus Worten, aus lauter Worten, dann sind wir wieder ganz bei ihm, dem großen Ariost, dem wieder Geretteten hier.