Eines Abends trat ein rotstichiger Augenschmaus auf meinem Fernseher in Erscheinung. Die Erscheinung war mit Musik unterlegt: Ein virtuos ondulierter, vielfarbig schillernder Schleim machte sich in allen Ecken und Ritzen der Gehörgänge breit. Ich dachte, hier war ein Udo Walz der Tonwellen am Werk, ein mit allen Duftwässern gewaschener Gigant der Spätromantik. Auf diese Weise begann mein erster Rosenkavalier. Man sagt gewöhnlich "erster", denn für den Österreicher aus der Schicht, die so schwer an ihrer kulturellen Hegemonie trägt, hat der erste Rosenkavalier den Rang einer Defloration. Diese Menschen verfügen sogar über Sondereintragungen in ihren Reisepässen. Unter ihren Namen steht die Rubrik "Philharmonikerabonnement seit …" und eben "Erster Rosenkavalier am …".

Doch die kulturelle Hegemonie ist auch nicht mehr, was sie einmal war. Heute bedeutet sie nur noch, dass die höchsten Subventionen in die Befriedigung der Geschmacksbedürfnisse dieser Leute einfließen. Aber sie haben es nicht leicht, denkt man zum Beispiel an Gérard Mortier, dessen bürgerliche Antibürgerlichkeit den meisten von ihnen verhasst war. In einem Nostalgie-Spot des Fernsehens sah ich ihn wieder, wie er seinerzeit sagte, nichts mache ihn froher, als das Salzburger Publikum nie wieder sehen zu müssen. Und dann diese Regisseure! Die Taschenbuchindustrie, der ich so viele glückliche Momente verdanke, hat mir – aus der dtv-Reihe Bibliothek der Erstausgaben – von Hugo von Hofmannsthal Der Rosenkavalier zugesandt. Deshalb weiß ich, dass die Handlung "zu Wien, im ersten Jahrzehnt der Regierung Maria Theresias" stattfindet. Was ich im Fernsehen sah, spielte in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, 1911 – im Entstehungsjahr der Oper. Dagegen gab es viel Gekreisch!

Die zeitliche Verlegung halte ich für keinen Regieeinfall. Der Konsum des Rosenkavaliers hat bei der zitierten Schicht mehr oder weniger mit einer Sehnsucht nach Nicht-Politik zu tun, nach einem Reich ohne Krieg, nach einer Idylle vor Hitler. Den Rosenkavalier dorthin zu verlegen, von wo er uns ablenken soll, halte ich – jenseits aller Regie – für eine Unhöflichkeit, für eine Indiskretion, die unsere allgemein bekannten geheimen Wünsche denunziert.

Der Wiener Boulevard, berühmt für seinen unbedingten Hang zum Musischen, ließ dagegen sogar einen außenpolitischen Kolumnisten ins Nachdenken kommen: "Wer nach einer guten Rosenkavalier-Aufführung nicht melancholisch übers Altern grübelt, über die Vergänglichkeit dessen, was ist, und vor allem über das Wesen der Zeit, dem ist ohnehin nicht zu helfen. ›Die Zeit ist ein sonderbar Ding‹, singt die Marschallin." Im Text steht: "Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding", und so ein kleines Wörterl macht in einem mächtig aufs Filigrane angelegten Text, in dem die Nuancen große Unterschiede bilden, nicht wenig aus. Ich rate auch davon ab, sich von der Marschallin über das "Wesen" der Zeit belehren zu lassen. Die Konstellation, aus der heraus sie zur Zeit-Weisen wird, kommt auch durch einen Figaro zum Vorschein, der sich "dem Arrangement des Lockenbaues" ohne Erfolg widmete. "Mein lieber Hippolyte", sagt die Edle zum Friseur, "heut haben sie ein altes Weib aus mir gemacht!" Ihre Bedenken zur Zeit sind stark im Erotischen verankert: Die Frau will einen viel Jüngeren festhalten und zugleich lernen, ihn loszulassen. Dabei spendet die beredte Melancholie ihr zugleich auch Trost: Indem die Liebende den Verlust ihres Geliebten vorwegnimmt, muss sie nicht unvorbereitet den Schmerz ertragen. In so einer Situation wächst man in Gedanken über sich hinaus, das heißt, es wird philosophiert, was das Zeug hält, und man sollte die Philosophie der Marschallin (auch weil die Zeit ja Wunden heilt) nicht wörtlich ins eigene Seelenleben importieren.

Hofmannsthals Rosenkavalier macht dem Leser Freude. Der Text läuft wie das Uhrwerk einer Spieluhr ab, die man fasziniert anschaut, obwohl (oder weil man) weiß, dass man die Zeit anderswo exakter und leichter ablesen kann. Manche Sätze zeigen genau an, was die Stunde geschlagen hat. Sophie, die das Opfer eines Heiratsschachers werden soll, gibt ihr Trainingsprogramm bekannt: "Die Demut in mir zu erwecken, / muss ich mich demütigen." Das reicht sowohl für die staatsbürgerliche Tugend im Obrigkeitsstaat als auch für den anerzogenen weiblichen Masochismus. Darin übertrifft die Marschallin sich selbst und eine jede andere. Am Ende muss sie ihre Leidenschaft durch Mütterlichkeit beruhigen – schwindelig wird einem angesichts solcher Verwandlungen.