Er trägt einen schwarzen Neoprenanzug, in der einen Hand hält er zwei Schwimmwesten, in der anderen drei Paddel, seine Oberlippe wölbt sich über einem korkengroßen Stück Kautabak. "Willst du nur teilnehmen oder auch gewinnen?", fragt er bei der Begrüßung, und seine Augenbrauen ziehen sich bei "teilnehmen" zusammen. Dann nimmt er das Kanu mit einem Finger und dreht es um.

Er gibt mir eine Schwimmweste, an die mit zwei Sicherheitsnadeln die Nummer 415 geheftet ist, klebt beigefarbenes Elastik-Tape auf meine Handflächen und drückt mir ein Paddel, Kiefer natur, hinein, das Preisschild klebt noch darauf. Dann trägt er das Kanu ins Wasser als wäre es ein Gummiboot und nicht eine dreieinhalb Meter lange Hartplastikschüssel. Eigentlich ein Kanadier; Kanu, das sagen nur die Sonntagspaddler. Wir steigen hinein, der Morgennebel hängt über dem Wasser, ein Startschuss kracht, und die Wettkampfuhr an Land zeigt 00:00:00.

"Los geht’s!", schreit jetzt Per Erik und haut sein Paddel ins Wasser, zusammen mit 390 anderen; 254 Kanadier und Kajaks schießen gleichzeitig los, als hätten sie einen 100-Meter-Sprint vor sich und nicht einen Marathon auf dem Wasser, nicht irgendeinen, sondern den allerersten Dalsland Kanu-Marathon Plus, "Schwedens härtestes Kanurennen in Schwedens schönster Landschaft" so die Ankündigung. Das "Plus", das sind genau 12805 Meter, zusätzlich zur üblichen Marathondistanz, macht insgesamt 55 Kilometer und eigentlich noch viel mehr, weil man mit einem Kanu eben nie geradeaus und damit den kürzesten Weg fährt. Aber wer weiß das schon?

Die Alu-Paddel glitzern wie Libellenflügel über dem Wasser

Auf dem Papier also sind es 55 Kilometer, wie ein lang gezogenes "O" sieht die Strecke auf der Landkarte aus, Start auf der Halbinsel Baldersnäs, Ziel ist die Kanu-Kapitale Bengtsfors, dazwischen Seen, die Laxsjön heißen, Svärdlång, Västra Silen und Lelång, nur vier von vielleicht tausend Seen in Schwedens kleinster Provinz, eingeklemmt zwischen dem meergroßen Vänern-See und dem Nachbarn Norwegen. Man kann hier auch stundenlang wandern oder Fahrrad fahren, aber eigentlich ist das Kanu das natürliche Fortbewegungsmittel in Dalsland. "Dal" heißt nicht umsonst "Tal" und Dalsland somit "Land der Täler". Und in den Tälern, die sich wie tiefe Kratzer von Norden nach Süden durch die Landschaft ziehen, hat sich das Wasser gesammelt, heraus gucken nur ein paar Bergspitzen, auf denen rote Holzhäuschen stehen. Natürlich ist das übertrieben, nur elf Prozent der Fläche Dalslands ist Wasser – und 50 Prozent Wald – aber trotzdem, so scheint es, gibt es hier keinen Fleck, von dem aus man nicht irgendeinen Zipfel irgendeines Sees sieht.

Noch 55 Kilometer: Mit dem Startschuss löst sich wie auf ein Kommando der Nebel auf, die Sonne kommt hervor, vor uns glitzern die Alu-Paddel der Kajak-Fahrer wie Libellenflügel über dem ersten See. Alles ist grün und blau und braun, wie eine eintönige Autobahn aus Wasser zieht sich der See scheinbar endlos hin, begrenzt durch eine Schallschutzwand aus Kiefern und Fichten, durch die kein Vogelsingen und kein Motorenbrummen dringt. Fast erschreckt man, wenn mal ein Haus am Ufer steht oder ein Mensch, wenn sich manchmal eine rote Schwimmweste oder ein weißes Kanu zwischen uns und die Natur schiebt. Das kommt aber nicht oft vor, was daran liegen mag, dass alle anderen Kanuten mitsamt Kanus hinterm Horizont verschwunden sind. Vor uns, leider.

Ich ziehe das Paddel durchs Wasser und murmele Per Eriks Anweisungen mantragleich vor mich hin: Rücken aufrecht, Arme gerade, zieh mit den Schultern, lass die eine Hand über dem Knauf, fass mit der anderen locker um das Paddel. "Die Kraft kommt aus den Schultern, sonst hältst du keine zehn Kilometer durch", sagt Per Erik. Er wirft einen gelben Plastikbecher nach vorne: "Alle 20 Minuten trinkst du 200 Milliliter Wasser, nicht mehr und nicht weniger."
"Und wozu brauche ich den Becher?"
"Damit schöpfst du das Wasser aus dem See."
"Aus dem See?"
"Natürlich aus dem See."

Noch 48,5 Kilometer, zeigt das Schild an der ersten Station. Wir heben das Kanu aus dem Wasser und tragen es einige Meter auf die andere Seite des nächsten Sees, der Svärdlång heißt, weil er lang und schmal ist wie ein Schwert, 12 Kilometer, und nur 200 Meter breit. Sanitäter rollen bereits Bahnen weißer Mullbinden um ein Knie, vermutlich eine Folge der obersten Kanuten-Regel: "Im Kanadier wird gekniet." Nur Freizeitkanuten sitzen, alle anderen knien, mögen die Knie noch so knirschen, die Füße taub und die Gelenke steif werden. Elegant, lautlos und scheinbar ohne Kraftaufwand gleiten dagegen die Kajak-Fahrer vorbei. Sitzend.

Wir schweigen. Paddeln. Per Erik sagt: "Die Menschen in Dalsland sind eher ruhig." Paddeln. "Und sie sind auch ein bisschen langsamer." Paddeln. "Drüben in Värmland bauen sie und tun und machen. Wir hier sind nicht so." Darum gibt es mehr Campingplätze als Hotels, keine Ampeln und keinen Parkplatzmangel in Dalsland. Dafür aber gibt es ein Museum, in dem Motorsägen ausgestellt sind, und in den Läden am Straßenrand kann man Wein in Zehnliterkanistern und gelbes Ölzeug kaufen. Auf den Landkarten sind Orte verzeichnet, die aus zwei Häusern bestehen, und manchmal kommt ein Lehrer zu spät zum Unterricht, weil er sich im Nebel mit dem Kanu verfahren hat.