Am Tag des Auszugs seiner Gemeinde aus dem Paradies trägt Pfarrer Niklas Weinges, 69, kein Messgewand. Er ist in einem schon etwas abgeschabten Blouson gekommen, er macht nie viel Aufhebens um sich – erst recht nicht heute. Den Inhalt des Tabernakels, des Speisekelchs mit der geweihten Hostie, hat er vor Tagen ganz im Stillen aus der Kirche geholt. Er hat versucht, einen Interessenten für den Altar zu finden, bislang ohne Erfolg. Der Altar ist schlicht, achteckig und aus Holz, und vor 26 Jahren stand Pfarrer Weinges zum ersten Mal hinter ihm.

Damals sah er in die Gesichter der vielen Menschen, die dicht gedrängt vor ihm saßen, und er war insgeheim erleichtert, dass diese Gesichter so freundlich waren. Gerade hatte er seine erste Pfarrerstelle angetreten, hier in der Kirche Regina Mundi in Berlin-Waidmannslust.

Jetzt ist es kurz vor neun am Sonntagmorgen. Etwa 150 Männer, Frauen und Kinder stehen um Pfarrer Weinges herum. Sie verteilen Schilder und Plakate. "Wut" steht darauf, "Trauer", "Enttäuschung" und: "Unsere Kirche wird verkauft!", "Regina Mundi wird verkauft!" Sie unterhalten sich leise.

Die Kirche Regina Mundi ist ein unauffälliger Flachbau aus verwaschenem Beton, 1970/71 gebaut. Dahinter steht ein weiterer Kasten, das Gemeindehaus. Es gibt keinen markanten Kirchturm, das Grundstück liegt an einer viel befahrenen Straße in einem Gewerbegebiet, der Nachbar ist Opel-Händler. Keine Kirche, vor der sich Brautpaare gern fotografieren lassen.

Pfarrer Weinges erfuhr von dem geplanten Verkauf aus der Zeitung, es war vor einem halben Jahr; der Brief des Erzbischöflichen Ordinariats kam später. Das war ein wenig ärgerlich, aber mit dem Verkauf der Kirche hatte er schon lange gerechnet. Nicht nur die Stadt Berlin steckt in einer schweren Finanzkrise, auch das katholische Erzbistum unter Kardinal Georg Sterzinsky hatte sich in der Nach-Wende-Euphorie finanziell heftig verspekuliert. McKinsey-Berater attestierten Anfang 2003 ein Haushaltsdefizit von 13 Millionen Euro. Ein erheblicher Rückgang der Kirchensteuereinnahmen in der Hauptstadt brachte das hoch verschuldete Bistum in weitere Bedrängnis. Nun will es ein Viertel aller "pastoral genutzten Flächen" vom Jugendheim bis zum Gotteshaus "abbauen". Und die Pfarrgemeinde Regina Mundi ist klein, bedeutungslos, hat nur 1400 Mitglieder.

Für sie war es ein Schock: Hier in Waidmannslust passiert es zum ersten Mal in der Hauptstadt, dass eine etablierte, funktionierende Gemeinde ihr Gotteshaus verlassen muss. Dass das Kirchengelände dem Erzbistum gehört und nicht, wie oft, der Kirchengemeinde, macht die Sache für die Kirchenoberen zum einfachen Verwaltungsakt. Seit Juli übernimmt das Erzbistum die Betriebskosten für die Kirche nicht mehr. Und sobald sich ein Käufer finde, hörten die Gläubigen, müssten Grundstück und Kirche binnen vier Wochen komplett geräumt sein.

Buddhisten interessieren sich für das Gebäude

Den Käufer habe man noch nicht, sagt Bistumssprecher Stefan Förner am Telefon, immerhin habe eine buddhistische Gemeinde schon Interesse gezeigt. Zwischendrin sorgte die Nachricht für Aufregung, eine Dame vom Bau- und Gebäudemanagement des Bistums habe das Grundstück benachbarten Autohäusern angeboten. Das sei ein Missverständnis gewesen, betont Förner. Und genau genommen sei Regina Mundi ja nicht mal eine richtige Kirche. "Ein Mehrzweckbau mit sakralem Akzent", zitiert Förner aus einem Kirchenführer. Dann erzählt er von anderen Gotteshäusern im Bistum, die von ihren Gemeinden so geliebt würden, dass man sie keinesfalls schließen wolle. Hier aber, sagt Förner dann, "gibt es unserer Einschätzung nach keine solche emotionale Beziehung."