Es ist ein mutiges Experiment. In dieser Woche treffen sich Hunderte Forscher aus ganz Europa zum Euroscience Open Forum (Esof) in Stockholm. Hier soll es sichtbar werden – das Europa der Wissenschaft. Hier soll es zusammenwachsen und sich öffnen: für die Gesellschaft, die Politik und nicht zuletzt für zahlreiche Journalisten. Vor allem aber soll es für die Wissenschaftler ein offenes Forum werden, eine Aufforderung, den Blick über den Tellerrand der eigenen Disziplin zu werfen. Die Klimaforschung wird dabei ebenso auf der Tagesordnung stehen wie die Nanotechnik, die alternde Gesellschaft wie die jüngsten Fortschritte in der Krebstherapie.

In dieser die Ländergrenzen wie die Disziplinen überschreitenden Organisation hat das Esof ein Vorbild: die alljährliche Tagung der American Association for the Advancement of Sciences (AAAS) in den USA. Doch während die Amerikaner auf eine lange Tradition zurückblicken können, Journalisten aus aller Welt und Forscher aus allen Fachrichtungen Jahr für Jahr magisch anziehen, stehen die Europäer noch ganz am Anfang.

Dabei haben sie längst verstanden, dass sie nur gemeinsam gegen die starken Wissenschaftszentren Nordamerikas oder die wachsende asiatische Konkurrenz bestehen können. Und auf Feldern wie Gesellschaftsentwicklung, Mobilität, Energieversorgung oder Klimaforschung kann es in Europa ohnehin kaum noch nationale Lösungen geben.

Doch die Forschungskulturen Europas sind sehr unterschiedlich entwickelt. Während Wissenschaftler in Südeuropa eher problemlösungsorientiert und stark an den Programmen der Europäischen Kommission entlangarbeiten, wird im Norden – und besonders in Deutschland – gern die Freiheit der Forschung betont. Entsprechend ist auch das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Staat in Europa von Land zu Land ein anderes.

Da war es sinnvoll, dass bei der Premiere eines europäischen Forums nicht die Forschungsorganisationen und -ministerien die Feder führten, sondern unabhängige Stiftungen und Einzelpersonen. Ihnen ist es – so scheint es – tatsächlich gelungen, ein Programm jenseits nationalstaatlicher Interessen und akademischer Eitelkeiten zu organisieren. Nicht nur die großen Stars dominieren das Feld – wiewohl sich die Veranstalter gern auch mit Nobelpreisträgern und anderen klugen Köpfen schmücken. Im Zentrum steht vielmehr die Wissenschaft als Teil der Gesellschaft.

Ihr Vorbild AAAS lassen die Organisatoren dabei zumindest außerhalb der Vortragssäle weit hinter sich. Während sich die amerikanischen Forscher hinter den hermetisch verschlossenen Türen ihrer Tagungshotels treffen, treiben die Esof-Macher die Wissenschaft auf die Straßen der schwedischen Hauptstadt, in den Schlossgarten oder ins Stadttheater. Nach Bühnenstücken über Hirnforschung wird Artischockensuppe mit Lachs gereicht. Forschung hat eben auch mit Kultur zu tun. Andreas Sentker