Der Einwand, es handele sich um Rollenprosa, verschlägt nicht. Man findet derlei bei Klein überall. Im Prosaband Von den Deutschen kriegt einer die Tür nicht auf: "Mein Klinkendrücken jedoch verschaffte mir keinen Zutritt." Er kommt zu spät und wird nervös: "Der Verdacht, als Spätling unterwegs zu sein, steigerte sich zur unerträglichen Gewissheit." Er holt seinen Zimmerschlüssel, "dessen Plastikanhänger mir meine Zimmernummer verriet". Wenn sogar Plastikanhänger Verrat üben, gerät natürlich die Welt aus den Fugen. Aber das ist mir dann auch egal.

Was ist das bloß für eine Sprache? "Wie geplant erreichten wir Thüringen, das uns frisch verschneit empfing. Drei Tage später ging es hinüber nach Bayern." So pflegt ein Schriftführer vom Ausflug seines Gesangsvereins zu erzählen. So redete einstmals der Herbergsvater, der Turnlehrer, der Feldwebel. Und so redet Georg Klein sogar dann, wenn er sich öffentlich (Berliner Zeitung) äußert: "Zur Zeit lohnt es sich, aufzumerken, wenn deutsche Männer ihren Geschlechts- und Zeitgenossen Antiamerikanismus vorwerfen."

Es lohnt sich, aufzumerken, wenn deutsche Männer wie Georg Klein einen Ton anschlagen, der irgendwo zwischen Kasino und Gartenlaube liegt. Aber nehmen wir an, derlei Sprachgebrauch sei nur ein Spiel, ein böses oder listiges, und sehen wir, wo es hinführt. Zunächst in eine verschwiemelte, verschwitzte Erotik. Kleins Helden, überwiegend Männer, neigen zum Fetischismus. "Der schwarze Zwickel ihres Slips separiert feste, muskulöse Oberschenkel" (Die Sonne scheint uns). Oder: "Obwohl dir der Strumpfhosengummi tief ins bloße Bäuchlein schneidet…" (Von den Deutschen). Oder: "Weitaus schwieriger wäre es gewesen, der vielleicht noch den Sitz ihrer Strumpfhose regulierenden Heimleiterin vor der Tür der Klokabine mit der nötigen Sachbezogenheit entgegenzutreten" (ebenda).

Wer durch die Kloake flaniert, gerät in den deutschen Urschlamm

Übergehen wir gnädig den Liebhaber weiblichen Urins oder den Freund gebrauchter Schlüpfer sowie den Impotenten mit abstoßender Hautkrankheit, schauen wir lieber, wohin die Herren geraten, wenn sie durch die Kloake flanieren. Sie geraten, wie der Kritiker der SZ lobend, gleichwohl trefflich bemerkt hat, in den deutschen Urschlamm. Ein deutsches Ehepaar (Von den Deutschen) fällt während eines Bummels durch Chicago drei Schwarzen in die Hände, die sie aber keineswegs niederschlagen, sondern in einen Kramladen bringen, wo ein Deutscher Nazi-Devotionalien verhökert. Während man sich gemütlich zu einer Tasse Tee niederlässt, angeboten in einem von Albert Speer entworfenen Service, erläutert der Gastgeber sein großes Projekt: endlich eine korrekte englische Übersetzung von Hitlers Mein Kampf. Die Frau ist begeistert. Man diskutiert bis in die Nacht hinein "ausgewählte Beispiele der Übertragung deutscher Prosarhythmen" anhand Hitlers.

Im neuen Roman ist es der steife Schnösel, der auf den Ruinen eines von einem jüdischen Kaufmann betriebenen Kinos steht, und im Verlauf der Untergrundrecherchen tritt allerlei Fäulnis zutage, Arisierungsgewinnler, braune Seilschaften, Urschlamm eben. Über den Apotheker und früheren SS-Mann heißt es: "Der alte Weißkittel, einst schwarzer Krieger eines großen Krieges…"

In all diesen Fällen verhält sich der Text völlig unklar zu seinem Inhalt. Weder betreibt er Ideologiekritik, noch verfällt er bloßer Identifikation. Was soll das? Ironie? Man komme mir bitte nicht damit. Ironisch ist heute jeder Frisör, Ironie gibt’s bei Aldi im Doppelpack. Ich glaube etwas anderes: dass Georg Klein einfach nur die Reize abschöpft, die Reize des politisch und ästhetisch Perversen, wie sie sich am schönsten in der Verbindung von Nazi und Porno zeigen. Und er nutzt, weil das Bekennerische uncool wäre, die Versatzstücke des Horror- und des Detektivromans, die Schablonen aus dem Jargon des Herrenmenschen und des altdeutschen Spießers, mischt das alles durcheinander, verfremdet es, baut schrille Kulissen, legt falsche Fährten, macht listige Anspielungen, gründelt im Morast und hält sich raus.