Deshalb spreche ich von Verrat an der Sache der Literatur, weil Literatur im emphatischen Sinn (und anders sollte man nicht von ihr reden) etwas sein muss, was unser dürftiges, bedürftiges Leben durchdringt und befragt, erhellt und übersteigt. Das ist letztlich ein moralischer Anspruch, der sich allerdings, im gelungenen Fall, als ästhetischer Anspruch verwirklicht. Der ästhetische Anspruch von Kleins Texten reduziert sich auf das Prinzip von Harrys Hafenbasar, den es vor Jahren in St. Pauli gab – ein labyrinthischer Laden mit tausend Hinterzimmern, voll gestopft mit dem abstrusesten Zeug, und es roch ganz fürchterlich. Für den neugierigen und kompetenten Besucher war das eine Fundgrube, er konnte aus dem Krimskrams eine ganze Welt herausdeuten, aber es blieb doch nur Krimskrams.

Zur großen Tradition einer Ästhetik des Hässlichen und der Verzweiflung gehört Georg Klein ganz offensichtlich nicht. Schriftsteller wie Baudelaire, Bataille, Céline oder, um neuere zu nennen, wie Hubert Selby und Wolfgang Hilbig sind getrieben von Trauer, Erbitterung, Hass. Stattdessen findet man bei Klein eine schlaumeierische Süffisanz und Herabsetzungslust, eine altkluge Bescheidwisserei, die sich nirgendwo zu einer klaren, heißen Emotion aufschwingt.

Bleibt die Frage, weshalb die Kritik auf Schorschis Hafenbasar hereinfällt. Anlässlich des weithin gepriesenen Romans Barbar Rosa (2001) zitierte die FAZ beifällig folgende Passage: "Bertini setzte sich auf die Bank mir gegenüber, und während alle in meiner Reihe sich vergeblich mühten, an seinem riesigen Riechorgan vorbeizuschauen, begann er seine breiten, von feuerroten Pusteln bedeckten Nasenflügel zu betasten, versuchte schließlich, den prallsten Pickel mit den Daumennägeln auszudrücken. Obwohl die U-Bahn lautstark rüttelnd durch eine Kurve fuhr, platzte der Pustel hörbar auf. Sofort nach diesem pfloppenden Geräusch floss grünliche Flüssigkeit über Bertinis Nasenspitze."

Der Witz (das alles ist ja unglaublich witzig, wie überhaupt Georg Klein der Jockey einer galoppierenden Witzigkeit zu sein scheint) liegt darin, dass Bertini ein Künstler und Nase wie Eiter ein maskenbildnerisches Produkt sind. Der Kritiker der FAZ bemerkt hierzu: "In dieser kleinen Szene verbirgt sich die romantische Theorie von der ästhetischen Wirkung des Ekels, dessen unmittelbarer Reiz so stark ist, dass er dem Betrachter nicht erlaubt, zwischen Sein und Schein zu unterscheiden. (…) Kleins Roman ist eine postmodernistische Gespenstergeschichte in der romantischen Tradition der fantastischen Erzählung und der Künstlernovelle."

Ja dann, wenn sich das so verhält… Wenn der Kritiker zu lange Guppys anguckt, dann hält er jeden Wels für einen großen Fisch.