Diese "jämmerliche, schreckliche Nation" dürfe er niemals mehr aufsuchen, schrieb der amerikanische Soldat Klaus Mann im Mai 1945 beschwörend an den in Amerika verbliebenen Vater. Mit Erschütterung musste der in die "Heimat" zurückgekehrte Sohn Thomas Manns ein Land erneut kennen lernen, in dem die Unfähigkeit zu trauern eine "Atmosphäre fieberhafter Geschäftigkeit" heraufgeführt hatte, und in dem jede Wahrnehmung eigener Schuld zum nationalen Heuchel- und Verleugnungssyndrom mutiert war. "Öffentliche Dummheit" und "blinde Egozentrik", ja "offensichtliche Herzlosigkeit" der Menschen, so Hannah Arendt, schienen nun das Erbe des Zivilisationsbruchs Auschwitz festzuschreiben. Auch die Mehrheit der Kulturverantwortlichen wollte sich damals mitnichten so etwas wie eine Schuld- und Schamkultur aufnötigen lassen. Sie verliehen Literaturpreise an Autoren der Nazi-Ära, ließen Schriftsteller wie Alfred Döblin als "überflüssig" in die zweite Emigration entfliehen oder besaßen keinen Sinn für einen Davongekommenen wie Walter Mehring, und sie haben selbst in der Gruppe 47 eine eigentümliche Distanzhaltung gegenüber Judentum und Holocaust kultiviert.

Dass die Nachkriegsliteratur ursprünglich auf der Verteidigung einer "heilen, nationalen Gefühlsidentität gegen Juden und Judentum" durch die wehrmachtsertüchtigte "junge Generation" um Hans Werner Richter und Alfred Andersch begründet worden sei, ist die provokante und umstrittene These, die Willi Jasper, nicht ohne Einschränkungen, mit dem Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb teilt. In die "Normalitätssehnsucht" der "Siebenundvierziger" hätten demnach weder die Leiden des Holocaust noch die ideellen Subtilitäten jüdischer Kultur und Intellektualität jemals wirklich hineingepasst.

Hat es den deutsch-jüdischen Parnass, wie Sholem behauptet, nie gegeben?

Das wird heute von den damaligen Akteuren als allzu starker Tobak empfunden. Freilich wirft es ein grelles Licht auf die komplizierte Mythenhistorie des deutsch-jüdischen Parnass. Hat es den als geschichtliches Phänomen "in einem echten Sinne" womöglich nie gegeben, wie Gershom Scholem behauptete? Der Gegenwartsbefund, den Willi Jasper ausbreitet, ist mehr als ernüchternd. Heute, so formuliert er mit Marcel Reich-Ranicki, sei dieses Problem nicht nur überschaubar geworden, sondern erscheine als endgültig und unwiderruflich abgeschlossen. Aber was heißt abgeschlossen? Was ist realiter aus der deutsch-jüdischen "Kultursymbiose", jener gewagten Hoffnung der Haskala des 18. Jahrhunderts, im überschrittenen Zenit einer furiosen Modernisierungs- und Katastrophengeschichte geworden?

Jüdische Literatur in deutscher Sprache gibt es nach wie vor, von Edgar Hilsenrath und Jurek Becker, über Barbara Honigmann, Robert Schindel, Rafael Seligmann, Esther Dischereit, Lea Fleischmann bis hin zu Maxim Biller und anderen. Doch diese Autoren, nicht zuletzt Einzelgänger wie Ilse Aichinger, Wolf Biermann, Günter Kunert etwa, leben auf unterschiedlich komplizierte Weise fremd im eigenen Land. Doch immerhin, sie reden auch nach Auschwitz – im Widerspruch zum programmatischen Verstummen Wolfgang Hildesheimers – immer noch über "Todeszeichen". So haben sie zwar einen jüdischen Diskurs in der jüngeren deutschen Literatur begründet, aber weder das "Deutsche" noch das "Jüdische" noch deren Symbiose lässt sich als dessen kulturelle Identität ausmachen. Oft sind sie vielmehr stärker vom amerikanisch-jüdischen Gegenwartsroman beeinflusst als von der deutsch-jüdischen Literaturtradition. Als "sichtbare Minderheit" mit zumeist europäisch-internationalistischem Selbstverständnis haben sich diese schreibenden Juden hierzulande durchaus wahrnehmbar gemacht.

Das gilt freilich nicht nur für die Intellektuellen. Unaufgeklärt bleibt weiterhin das historische Mirakel jener deutsch-jüdischen Kultursynthese insgesamt, das Yoram Kaniuk so formuliert hat: "Jeder Deutsche ist die Antwort auf die ungestellte Frage jedes Juden und umgekehrt. Zusammen bilden wir ein Rätsel, das in einem anderen Rätsel verborgen ist, das sich wiederum hinter einem dritten Rätsel verbirgt, und diese Hassliebe wird am Ende die Wunden heilen," Willi Jasper hat sich mit großer Kennerschaft und mit sehr lesbarem Erfolg auf die weitläufigen geschichtlichen Spuren dieses Mirakels begeben.

Dass die jüdischen Autoren seit je ein "heimliches Korrektiv unserer Leidenschaften" gewesen seien, hatte Thomas Mann einmal geschrieben. Marcel Reich-Ranicki musste nach Auschwitz das gleiche Problem mit seiner Formel vom geistigen "Ruhestörer" ungleich schärfer zuspitzen. Die intellektuelle Judenheit konnte demnach gar nichts anderes als ein "irritierendes und provozierendes Element" werden, weil das Scheitern der Idee eines Zusammenlebens von Juden und Nichtjuden sie schonungslos dem Nivellierungsdruck der heraufziehenden Modernisierung ausgesetzt hatte. Wo der deutsche Nationalismus bald nur noch konsistente völkische Wesenheiten hysterisch heraufbeschwor, die eigene Kultur also keinesfalls mehr pluralistisch denken konnte, war das Andere des Jude-seins ohne Chance. "Im Zwang zur kulturellen Anpassung und Ausgrenzung lag bereits die Wiege des Totalitarismus", schreibt Willi Jasper.

Den Destruktionsprozess entfaltet er in drei Schwerpunkten – "die Krise der Assimilation, das Exil und der Holocaust". Schon die Toleranzdebatte der Aufklärer erwies sich trotz Lessing als vornehmlich ideeller Natur, ging es um die reale Gleichstellung der Juden, so "verkamen die Ideale zu Schlagwörtern". Vergeblich waren die Mühen Moses Mendelssohns, sich gegenüber der jüdischen Orthodoxie als rechtgläubig zu erweisen, und gleichzeitig die Christenwelt davon zu überzeugen, dass ein aufgeklärter Philosoph Jude bleiben konnte. Auf Kant, auf Schiller und auf Goethe haben die Juden dann vergeblich "gelauscht", denn in der realen Geschichte wurde die Kombination von völkischer und christlicher Überlieferung zukunftsträchtig, nicht aber die deutsch-jüdische Kultursymbiose im Zeichen des Vernünftigen. Für den Aufklärer Immanuel Kant war Lessings Nathan der Weise schon deshalb missliebig, weil er für eine "Nation von Betrügern" warb, die durch "Überlistung des Volks, unter dem sie Schutz finden", ihre Vorteile suche. Staatsbürgerliche Rechte wollte er ihnen daher auf keinen Fall anvertrauen. "Es sollten alle Juden in einer Aufführung des Nathan verbrennen", heißt es dann viel später (1881) in einem Kommentar Richard Wagners.