Mehr als 160 Wochen lang hat der Ethikrat an dieser Stelle versucht, prominenten Zeitgenossen aus ihrer jeweiligen philosophischen Patsche zu helfen. In dieser Zeit rief er immer wieder andere dazu auf, Sinnfragen zu stellen und Maß zu halten. Nun fragt er sich selbst, ob genug nicht vielleicht doch genug ist. Und wenn dem so ist: Was wird dann aus all den unberatenen Superstars? Drehen die dann völlig durch?

Als der Ethikrat seine Beratungstätigkeit im Mai 2001 aufnahm, kam er knapp der Gründung des Nationalen Ethikrates zuvor. Den hatte Bundeskanzler Schröder seinerzeit ins Leben gerufen, um ergründen zu lassen, was denn der Gentechnik ethisch Sache sei. Eine Sehnsucht nach Ethikräten lag damals förmlich in der Luft.

Den Nationalen Ethikrat betreffend wurde in den vorigen Wochen öffentlich vor allem die Frage erörtert, wer denn dort mit welchem Recht welche Empfehlungen auszusprechen habe und ob überhaupt. Jenes Gremium kreiste also fleißig um sich selbst, und genau das möchte dieser Ethikrat, der sich übrigens stets als supranational verstanden hat, nun auch tun. Denn ihn beschleicht das Gefühl, dass er seine lieben Promis zwar bis in alle Ewigkeit beraten könnte – aber vielleicht nicht unbedingt sollte.

Der Ethikrat, wöchentlich wechselnd verkörpert durch zumeist hauptberufliche Philosophen, versetzte sich immer wieder in die Lage von Menschen, deren philosophisches Fundament, ihren Worten und Taten nach zu urteilen, einen eher wackligen Eindruck machte. Basierend auf der Annahme, dass auch Superstars Menschen sind – streng nach dem Syllogismus: A) Alle Superstars plappern hin und wieder dummes Zeug. B) Dummes Zeug plappern nur Menschen. C) Also sind Superstars Menschen –, schickte er sich an, die Kluft zu überwinden, die sich zwischen einem Josef Ackermann und den Lehren eines Seneca aufgetan zu haben schien, und ermunterte die Reichen und Berühmten, sich nicht ausschließlich an Reichtum und Ruhm zu orientieren. Sondern auch mal an einem einfachen Glas Hefeweizen.

So geschehen im allerersten Ethikrat. Den erhielt Marlene Grabherr, eine arbeitslose Bürokauffrau, die durch Günther Jauchs Quizshow soeben zur Millionärin geworden war. Der Ratschlag mündete darin, diese Wendung ihres Lebens mit einer "gewählten Lust" à la Epikur zu zelebrieren – einem bewusst genossenen Glas Hefeweizen etwa – sonst aber nicht allzu viel zu verändern. Ob sie diesem Rat gefolgt ist?

Die berühmten Beratenen hielten sich stets bedeckt, niemand von ihnen hat sich je dafür bedankt, dass sich gestandene Philosophen über ihre existenziellen Nöte den Kopf zerbrochen haben. Weder Mariah Carey noch Pamela Anderson noch Bill Gates ließen erkennen, dass die Beratung bei ihnen auf fruchtbaren Boden gefallen wäre. Probeweise wurde sogar einmal ein Schaf beraten, das Klonschaf Dolly – selbe Reaktion. Und Boris Becker, immer wieder Boris Becker, mal als Konkursanmelder, mal als Kritikerkritiker. Viermal kam er dran, so oft wie sonst nur Kanzler Schröder. Philosophische Zwickmühlen, wohin man auch blickte: Woody Allen verklagte seine beste Freundin, Michelle Hunziker suchte den Traummann, Madonna verkündete lautstark ihre neue "Selbstlosigkeit", Gregor Gysi wurde Frauensenator. In vielen Fällen konnte der Ethikrat lediglich eine ambulante Güterabwägung verabreichen.