Am 9. November 1989 gegen acht Uhr abends eilte aus dem Café Adler am Checkpoint Charlie ein Kellner mit einem Tablett voller Sektgläser auf die Straße, um mit den DDR-Grenzposten auf die unfassbare Nachricht von der Maueröffnung zu trinken. Die lehnten verstört ab; ein paar Stunden später flossen Sekt und Tränen überall in Berlin. Das Mauercafé in der Friedrichstraße sichert bis heute seinen Platz als Loge mit Blick auf einen Jahrmarkt der Geschichte: das Wachhäuschen, ein Wall von verwelkten Blumensträußen und schwitzenden Touristen, die sich neben Statisten in Uniform fotografieren lassen. Das Spiel mit den Requisiten des Kalten Krieges kostet einen Euro – preiswert für die Berührung von Gespenstern. Im Café Adler mit der goldenen Kassettendecke rascheln die Stadtpläne der Reisenden, der arabische Kellner ist von jener sachten Arroganz, die Respekt einflösst und Geduld. Maurice, flüstert eine Androgyne in die melancholischen Augen eines dünnen Afrikaners, der einen langen Kopf hat und sehr feines Französisch spricht, Maurice, sie beugt sich dabei immer weiter zu ihm hin, sie kann nicht anders: Maurice! Ich hab Handschellen geschenkt bekommen, jubelt ein dickes Mädchen, das mit seinen Eltern den Checkpoint Charlie besichtigt hat. Zwei Büroangestellte ziehen sich in den hinteren, dunkel tapezierten Raum zurück. Vorn, im Hellen, schreibt eine lebenserfahrene Blondine unentwegt in ein rot-schwarz gebundenes Notizbuch. Sie ist von schmaler Statur, trägt Jeans, eine weiße Bluse und rosa-grüne Ohrringe, die sehr teuer oder ganz billig sein könnten. Wenn sie aufsieht, nimmt sie jedes Mal die randlose Brille ab und enthüllt treublaue Augen, ihre Kinnpartie zeigt schwindende Konturen, sie wähle ich aus, sie wird meine Bekanntschaft, sie heißt Jutta, sie ist Journalistin.

Worüber schreiben Sie? Über alles, was keine Fantasie verlangt, ich bin leider auf ewig dem Wirklichen verpflichtet. Das klingt, als hätten Sie einen Vertrag mit Luzifer, sage ich. Nein, nein – sie lacht hell auf –, mich leitet der Gott der Dinge, wie sie sind; ich kann mir nichts ausdenken, das war schon im Osten so. Die Frau macht mir Spaß: Was hat der Osten zu tun mit dem Gott der Dinge? Sie wissen doch, sagt sie, die Wirklichkeit genau zu beschreiben war, als würde man die Utopie zum Striptease verführen, ein staatsfeindlicher Akt. Dramatische Worte!, sage ich und bestelle bei dem Arroganten einen Walnuss-Brownie.

Die Blondine wirft einen gelangweilten Blick auf den Mummenschanz vor der Tür, wo getürkte GIs in die Kameras lachen: Vielleicht wäre ich eine große Schriftstellerin geworden, ich habe meine Fantasie dem sozialistischen Experiment geopfert. Man weiß nicht, ob sie jetzt Trost erwartet oder einen Orden. Ich entscheide mich für Trost auf hohem Niveau. "Zu faul zum Arbeiten, da denkt man sich einfach was aus", bemerkte Tschechow mal über Schriftstellerkollegen. Jutta lächelt geschmeichelt. Warum ist es eigentlich so schlimm, bei der Realität zu bleiben?, frage ich. Schlimm nicht, sagt Jutta, aber anstrengend, ich bin schüchtern. Momentan schreibe ich eine Serie über Menschen im Café. Sie ahnen nicht, was mich das für Überwindung kostet, fremde Leute anzusprechen, ich sitze seit drei Stunden hier und habe noch nicht gewagt, auf jemanden zuzugehen. Sehen Sie sich um, wen soll ich nehmen? Nehmen Sie mich, ich bin auch eine Möglichkeit!, sage ich. Ich weiß, sagt Jutta. Sie ist mein Ausweg, die Blondine bin ich, ich war meine letzte Wahlbekanntschaft.