Es gibt manchen Grund, allein zu schlafen. Ein wichtiger ist die Mücke. Nichts peinlicher, als ertappt zu werden, wie man mitten in der Nacht bei voller Beleuchtung mit dem Großen Weltatlas in der Hand auf dem Stuhl steht und etwas wie "Ich krieg dich schon!" murmelt. Doch, eins ist peinlicher: zuzugeben, dass man Angst hat vor Mücken. "Was soll das kleine Tier dir schon tun?", sagen dann die Leute in dieser Tonlage, in der man mit Kindern spricht. Und sie haben ja Recht. Verglichen mit Zeckenbissen, Wespenstichen und was immer sonst die Natur an Picknickverderbern bereithält, ist so ein juckender Fleck harmlos.

Aber es geht gar nicht um den Mückenstich. Es geht um die Mücke. Wie ein Dieb in der Nacht kommt sie dahin, wo wir Ruhe finden wollen. Wie ein Gespenst aus Ammenmärchen nutzt sie die Dunkelheit, die uns wehrlos macht. Wie ein Feigling verweigert sie, einmal gestellt, den ehrlichen Zweikampf und verzieht sich an die hohe Decke, die uns in unserem Leichtsinn einmal als Argument für diese Wohnung erschienen war.

Die Mücke ist Vernunftgründen nicht zugänglich. Wir wären ja durchaus bereit, ihr die Fleischabfälle von heute Mittag nach draußen zu stellen. Aber nein, nur warmes Blut, nur unser Blut will sie saugen. Das finden wir schon beim Arzt nicht sehr schön. Unter diesen Umständen ist es ekelerregend. Reden wir nicht von Malaria. Reden wir nicht von Vampiren, die natürlich nicht Fledermäusen, sondern Mücken nachempfunden sind. Stellen wir uns bloß für einen Moment vor, ein Mensch käme auf die Idee, bei Nacht in fremder Leute Wohnung einzudringen und diese zu pieksen. Er käme umgehend in die Schlagzeilen und wenig später in die Zwangsjacke. Trotzdem würde es noch lange dauern, bis die "Rübe ab"-Rufe an den Stammtischen verstummen.

Die Angst vor der Mücke geht tiefer als ihr Stich. Sie erinnert uns daran, dass wir schon zu Lebzeiten nur ein Glied in der Nahrungskette sind. Weit entfernt davon, uns auftragsgemäß die Natur Untertan zu machen, werden wir stattdessen die Beute einer der kleinsten und dümmsten Kreaturen, den es vergönnt ist zu fliegen. Und die denkt gar nicht daran, ihr widerwärtiges Geschäft rasch zu verrichten. Minutenlang umschwirrt einen dieser Stuka unter den Insekten mit ihrem elenden Summen: "Ich krieg dich schon!" Man fühlt sich wie eine der bedauernswerten Kühe in den Armutsfilmen, die nur mit dem Schwanz wedeln können, um sich der Schwärme auf ihrem Fell zu erwehren. Tags darauf unterhalten sich die Geschundenen, die einander an ihren Stigmata erkennen: "Na, hat es dich auch erwischt?"

Da versteht es sich, dass der gedemütigte Mensch den Gegenschlag nicht mit einer dieser zerbrechlichen Fliegenklatschen führt, sondern eine Waffe wählt, die mehr impact hat, wie der Amerikaner sagt. Groß und schwer muss sie sein, des Goliaths würdig, der wir in diesem Kampf sind. Aber nicht einmal sie hilft gegen einen Feind, der zu klein, zu schnell, zu gerissen ist. Man sucht und sucht, bis man müde wird. Man zieht die Decke über den Kopf, bis einem die Luft ausgeht. "Dann stich mich eben", denkt man zuletzt, wenn die Kräfte erlahmen.

Doch gerade dem, der sich in sein Schicksal fügt, wird Hoffnung widerfahren. Wenn er den Blutzoll entrichtet hat und das Biest träge an der Wand klebt, ist der Moment der Rache gekommen. Diesmal werden wir nicht versagen. Stark und fest liegt der Große Weltatlas in der Hand. PATSCH!