Nehmen wir an, diese Geschichten seien alle erfunden. Nehmen wir an, dieser rauschebärtige Mann habe nicht zwanzig Jahre lang in New York an der 6th Avenue gestanden, im Wikinger-Kostüm, und sei dort zur Sehenswürdigkeit geworden, bis das Hilton seine Adresse in einer Anzeige als opposite Moondog angegeben habe. Ziehen wir in Zweifel, dass ihn Igor Strawinsky als "ernst zu nehmenden Komponisten" und Leonard Bernstein als "seltsames Genie" bezeichnet hat, dass der Pate des modernen Jazz, Charlie Parker, mit ihm auftreten wollte und Allen Ginsberg und Charles Mingus dies getan haben, dass der Minimalist Philip Glass ihn als Vorbild nennt. Unterstellen wir Paul Simon, er hätte ihn falsch verstanden, als er ihn pries, und Janis Joplin, als sie eine seiner Kompositionen aufnahm. Nehmen wir an, dass diese Geschichten um Moondog eine ewig fort- und abgeschriebene Legende sind. Würde dies etwas an seiner Musik ändern?

Fünf Jahre nach dem Tode Moondogs alias Louis Thomas Hardin am 8. September 1999 in einem Krankenhaus in Münster, Deutschland, erscheint eine musikalische Anthologie seiner German years, und das Spiel beginnt von Neuem: zwischen dem naïve poet und dem Meister des Kontrapunkts, zwischen U und E, zwischen einem Weltverbesserer und einem Exzentriker. Mit dem Unterschied: Die Fronten sind inzwischen fließend, kein Zeiturteil trübt den Blick auf diese Musik, die so melodisch und kontrapunktisch aufgeräumt klingt, dass sie zur größten Sommerfreude wird. Ob da Saxofone eine jazzige Chaconne tanzen, fröhliche Couplets sich mit verträumten Pretiosen auf Spieluhrbasis abwechseln, ohrwurmige Jingles für imaginäre Fernsehserien auf Orgelwerke folgen – Moondogs Musik ist singulär und zugleich allumfassend, ganz einfach und streng durchdacht. Wirklich sehr seltsam.

Vielleicht muss man doch zurückkehren, nach New York, wo im November 1943 ein blinder junger Mann auftaucht, mit 60 Dollar und der Fähigkeit, in Blindenschrift zu komponieren. Louis Hardin, 1916 in Maryville, Kansas, als Sohn eines Wanderpredigers und einer Lehrerin geboren, hatte als 16-Jähriger mit einem Hammer ein Metallteil bearbeitet, das sich als Dynamitkapsel entpuppte und ihn das Augenlicht kostete. Sein Studium in Iowa, mit Harmonielehre, Orgel und Violine, prägt ihn ebenso wie die indianischen Rhythmen, die er als Kind bei den Besuchen seines Vaters in den Reservaten in Wyoming schlagen darf. Er sitzt auf dem Schoß des Arapaho-Häuptlings Yellow Calf und trommelt zum Sonnentanz, zwanzig Jahre später steht er an der Avenue of the Americas und begleitet seine Couplets auf dreieckigen Trommeln, während der Verkehr der Stadt an ihm vorbeizieht. Der gleichförmige Rhythmus, die Geräusche der Straße und die logische Einfachheit des Kanons, um die Welt zu ordnen – dies sind die Bestandteile seiner ersten Schallplatten der fünfziger Jahre, und sie werden zur Basis eines lebenslangen Versuchs, dem blinden Chaos der Welt verschiedene Formen zu geben. Es gibt keine Grenzen, wenn man sie nicht sieht.

"I’m in the world, but I’m not of it", singt er auf dem herzerweichenden Album H’Art Songs, er bleibt einer der ungewöhnlichsten Janusköpfe der Kunst: Die einen kannten ihn nur als eines jener Unikums, die auf Straßen und später in Fußgängerzonen stehen, denen man lauscht und wohltätig Gedichte abkauft, die anderen verehrten ihn als Guru des Minimalismus, als Verkünder natürlicher Wahrheiten und als unnachsichtigen Komponisten des Kontrapunkts. Sein Studium der Edda brachte ihn dazu, sich mit Wikingerhelm, Lanze und wallendem Outfit als unverwechselbares Standbild zu präsentieren, zugleich gestand er aber, er wollte sich vor allem den ständigen Anspielungen auf Christus oder bärtige Mönche entziehen, "also suchte ich etwas, das einen eher nordischen Look vermittelte". Zum einen wählte er ein Leben auf der Straße – ein Zimmer zum Schlafen findet sich –, zum anderen zog er ganz utilitaristisch die Straße den Blindenheimstätten mit Flecht- und Klebetischen vor. Moondog besitzt jene uramerikanische Fähigkeit, das einsehbar Nützliche nahtlos mit dem Spirituellen zu verbinden und dabei keinen Bruch zu spüren. "Ich bin in dieser Welt, aber nicht von ihr."

Moondog, der seit 1947 den Namen seines den Mond anheulenden Blindenhundes angenommen hatte, fühlt sich als "europäischer Komponist im Exil". "Alles, was ich schreibe, egal, ob es primtiv klingt oder asiatisch oder nach Jazz … ich gehe immer von einem klassischen Standpunkt aus, obwohl das Ergebnis dann nicht danach klingt." Er wird vom Leiter der New Yorker Philharmoniker als Zuhörer zu deren Proben eingeladen, nimmt Schallplatten für das Jazz-Label Prestige auf, komponiert Kinderlieder, die Julie Andrews unter dem Titel Tell It Again singt, spielt mit großer Besetzung Minisymphonien und Ballettmusik für das Label Columbia ein, obwohl er andererseits gegen jede Form von organisiertem Kapitalismus und alle Ordnungssysteme predigt. Er nimmt den Widerspruch der Hippies vorweg, kein Wunder, dass die ihn verehren, auch wenn sie seine Musik kaum hören.

Als der musikalisch erzkonservative Rebell ("Freiheit in Knechtschaft") im Januar 1974 Moondog’s Corner in New York verlässt, erklären ihn viele für tot, kaum einer ahnt etwas von seiner Wiedergeburt in Deutschland. Der Hessische Rundfunk hatte ihn zu Konzerten eingeladen, und Moondog war von der Begeisterung so angetan, dass er beschloss, sein Leben in seiner wahren geistigen Heimat weiterzuführen. In Hannover, in Hamburg steht er, bis die Studentin Ilona Göbel den netten Mann als Genie entlarvt und ihm anbietet, bei ihnen zu wohnen, im nördlichen Ruhrgebiet, in Oer-Erkenschwick, im "composer’s paradise" wie Moondog-Hardin es dunkel empfindet.