Die Imam-Ali-Moschee in Nadschaf ist für die Schiiten das, was für die Katholiken der Petersdom in Rom ist. Die Belagerung Nadschafs durch die USA kommt einer Belagerung Roms durch die Türken des 15. Jahrhunderts gleich; nur sind die Türken nie weiter als bis vor die Tore Wiens gekommen. Solche Vergleiche sind nützlich, um zu verstehen, welche desaströsen psychologischen Auswirkungen die seit Wochen andauernden Kämpfe in Nadschaf und eine mögliche Erstürmung der Moschee auf die schiitische Glaubensgemeinde haben werden. Brennt die Imam-Ali-Moschee, dann brennen die Herzen der Schiiten – und zwar vor Wut.

Das heißt freilich nicht, dass morgen alle irakischen Schiiten zu den Waffen greifen oder gar der schiitische Iran den USA den Krieg erklärt. Dafür ist Mokhtada al-Sadr, dessen Mahdi-Milizen die Moschee besetzt halten, unter den Schiiten zu unpopulär; dafür sind auch die Kräfteverhältnisse zu eindeutig. Es wird weitergehen wie bisher, ein zermürbender Kleinkrieg. Nur mit einem wesentlichen Unterschied. Dieser Konflikt wird kaum mehr zu beenden sein, weil die Schiiten als Partner verloren sein werden.

George W. Bush hatte Recht, als er in seiner Kriegserklärung gegen den Terror sagte, dass es lange dauern wird, bis der Kampf gewonnen ist. Was er nicht gesagt hat, ist, dass erst die eigenen Fehler diesen Krieg nachhaltig verlängern. Die Schiiten hatten den Sturz Saddam Husseins begrüßt wie kaum eine andere Gruppe im Irak. Sie haben die USA deshalb zwar nicht offen unterstützt, aber sie haben auch wenig gegen sie unternommen. Sie haben abgewartet. Sie wollten sehen, was man ihnen anbietet. Aber das war sehr wenig. Ein Beispiel mag für alle gelten. Mokhtada al-Sadr rekrutiert die Kämpfer seiner Mahdi-Miliz vor allem unter jungen, ungebildeten Arbeitslosen. Statt beim Wiederaufbau stärker irakische Unternehmen heranzuziehen, hat die US-Zivilverwaltung Aufträge an amerikanische Firmen vergeben. Mit dem Ergebnis, dass die jungen Leute, die eigentlich auf einem Baugerüst arbeiten sollten, sich in der Imam-Ali-Moschee verschanzen und auf US-Soldaten schießen.

Die Antwort der USA und der irakischen Regierung auf den Aufstand in Nadschaf besteht aus einem Mix aus Politik und Panzern. Es ist die klassische Zuckerbrot-und-Peitsche-Politik. Nur muss nicht nur das Zuckerbrot schmecken, sondern muss auch die Hand, die es reicht, sauber sein. Wird aber die Imam-Ali-Moschee schwer beschädigt, dann werden die Schiiten, ob im Irak oder Iran, nicht mehr anerkennen können, was ihnen gereicht wird. In ihren Augen ist dann alles, was aus der amerikanischen Hand kommt, schmutzig und unberührbar.