Es kommt vor, dass meine liebe Frau Christina in Stunden ehelicher Anspannung bestätigt, ich sei wahrscheinlich nicht ganz bei Trost.

Anders seien die von mir im Schlaf gemurmelten Sätze wie Miles, gib mir mal eine Zigarette nicht zu deuten. Zu meiner Entschuldigung sage ich nur, wenn mir Miles im Schlaf entgegentritt, dann ist das ein Beweis für meine tiefe Verinnerlichung des Trompeters. Er ruht sozusagen in mir. Ich bin seine Gruft. Sein Sketches of Spain hat für mich die Aura von Stille Nacht.

Die Träume verschärften sich allerdings in der Nacht nach meinem Geburtstag, als mir die Sängerin und Pianistin Diana Krall erschien und ich murmelte: Diana schick den Flügel zum Teufel! Spiel auf mir!, gefolgt von der Sängerin Marla Glen, deren Lippen wie köstliche Pfirsiche aussehen. Als sie mir Mad sang, wurde ich fast wahnsinnig. Gerettet von meinen amourösen Notturnos wurde ich durch heftiges Schütteln meiner Schulter, was mich sofort in den edlen Klängen von Oscar Peterson plus Roy Eldridge versinken ließ, die mir She's Funny that Way spielten. Da saß ich unvermutet in einem Petersburger Hotel und sah den Fliegen hinterher. Der Zar hatte gesagt: Dieser Neger Monk soll so super Klavier spielen, lassen Sie ihn doch kommen! Also wartete ich und langweilte mich entsetzlich. Das Konzert sollte in fünf Tagen stattfinden. Draußen schneite es unaufhörlich. Ich läutete nach meinem Zimmerdiener Trofius Sanjonowitsch. Er kam und lächelte leicht idiotisch. Ich ließ mir heißen Rum bringen und Butter und einige Gewürze. Hot buttered rum in diesem verdammten Schneeloch fern von meinem New York. An der Wand stand ein ausgeleiertes Klavier. Ich öffnete seinen Deckel. Die Tasten waren gelbbraun. Im Bass hatte jemand vor langer Zeit brennende Zigaretten abgelegt. Und plötzlich erstand vor mir das Bild meiner Klavierlehrerin Warwara Alexejewna Potemkin. Sie lebt in Omsk. Von ihr hatte ich die Grundlagen des Klavierspielens gelernt. Thelonious Monk!, hatte sie immer lächelnd gesagt, Ihre Haltung ist unmöglich. So müssen Sie vor dem Klavier sitzen. Und dann zeigte sie es mir, und ich spielte Just A Gigolo.

Lächelnd legte mir von hinten Carla Bley die Hand auf die Schulter, jene heiß verehrte Komponistin und Pianistin, die man in eine geschlossene Abteilung eingewiesen hatte, da sie sich für Franziska von Assisi hielt. Jetzt war sie eine alte weißhaarige Frau, die durch ihre Schweigsamkeit, aber auch durch ihre Magerkeit befremdete. Sie weigerte sich, an den Mahlzeiten teilzunehmen, und musste intravenös ernährt werden. Es muss gesagt werden, dass die Ärzte entschieden hatten, dass es gut für die Komponistin sein würde, ihr eine Arbeitstherapie angedeihen zu lassen. Und so fing sie an, jeden Nachmittag auf dem Hühnerhof der Anstalt zu arbeiten. Sie fütterte das Federvieh mit Weizen und Mais, sammelte die Eier ab und kümmerte sich um brütende Glucken.

Dann geschah etwas Seltsames. Die Komponistin zog ein Stück Papier hervor und begann Noten zu schreiben. Und ihr Gesicht leuchtete. Carla Bley glaubte nämlich, unter den Hühnern seien etliche verzauberte Komponisten versammelt.

Ein besonders dickes Exemplar der Rasse Plymouth Rocks hielt sie für Georg Friedrich Händel. Und als sie dem ärztlichen Kollegium ihre Aufzeichnungen gab, sagte Professor Eisenreich aufgeregt: Meine Herren, das ist Händels Suite für Cembalo Nr.4 in D-moll.

Da erwachte ich, erinnerte mich mit Schrecken an meinen 70., und nach einem kräftigen Na, ja zogen mir Rühmkorfs Zeilen aus Allegro doloroso molto cantabile durch den Kopf Der nicht sein Teil will leiden / dem steht der Kopf ins Grab. / Mein Hirn ist schon am Scheiden. / Mein Augenlicht läuft ab. Trost bekam ich von vielen Seiten, ich alter Zausel. Selbst aus Berlin kamen Blumen. Frau Christina Weiss, Staatsministerin beim Bundeskanzler, wärmte mich in ihrem Brief mit diesen Worten: Mögen die Musen Ihnen gewogen bleiben, Händel und Parker über sie wachen. Wenn es stimmt, dass man sich im Alter wieder in die Strampelhosen zurückentwickelt, dann bin ich auf dem besten Wege.