In dick gepolsterten schusssicheren Westen und Helmen, einen Arm auf dem Maschinengewehr, blinzeln die beiden Polizisten in die Morgensonne. An der Ecke Wall Street und Broad Street beobachten sie, wie sich Händler und Börsenangestellte mit ihren Aktenmappen an dem neoklassizistischen Bau, dessen Fassade eine riesige US-Flagge fast verdeckt, zum morgendlichen Sicherheitscheck anstellen. Terrorschutz gehört nach den Anschlägen des 11. September 2001 zum Alltag der New York Stock Exchange, des wichtigsten Aktienumschlagsplatzes der Welt. Doch dass die Broker und Makler auf dem Parkett der 212 Jahre alten Institution zunehmend Existenzängste beschleichen, hat nichts mit Terrorismus zu tun.

Die NYSE – wie die New York Stock Exchange abgekürzt wird – ist nicht nur die bedeutendste Börse, sondern auch eine der letzten Börsen, die am Parketthandel festhält. An rund 90 Prozent aller Aufträge ist ein Händler oder Makler beteiligt. In London, Frankfurt und Zürich dominiert längst Kollege Computer. Die scharfe Konkurrenz elektronischer Handelsplattformen, die Baisse nach dem Platzen der Spekulationsblase und Skandale haben nun einen Sturm entstehen lassen, der das ehrwürdige Parkett in Kürze leer fegen könnte.

An einem durchschnittlichen Handelstag wechseln an der NYSE rund 1,5 Milliarden Aktien im Wert von mehr als 46 Milliarden Dollar die Hände. In London beträgt das Volumen durchschnittlich 30 Milliarden Dollar, in Frankfurt knapp über 4 Milliarden Dollar (3,5 Milliarden Euro). Der Wert aller 2800 Gesellschaften, die an der NYSE gelistet sind, entspricht der Summe von 17,4 Billionen Dollar.

Das Modell, nach dem an der Wall Street gehandelt wird, ist im Prinzip unverändert seit jenen Tagen im Jahr 1792, an denen sich die ersten Spekulanten hier an der Südspitze Manhattans unter einem Buttonwoods-Baum trafen. Im Mittelpunkt des Handels stehen die specialists, Kursmaklerfirmen, die Angebot und Nachfrage zusammenbringen. Sie kassieren dafür eine Provision und dürfen selbst auf eigene Rechnung handeln. Jedem Unternehmen, das an der NYSE notiert ist, wird ein specialist zugeteilt. An seinem post – seinem "Stand" – auf dem Parkett wird die Aktie gehandelt. Am Rand des Handelssaals befinden sich die booths, die "Ställe" der Parketthändler. Sie kaufen und verkaufen Aktien im Auftrag von privaten Anlegern, Finanzberatern, Banken, Vermögensverwaltern oder Investmentfonds.

In den Ställen hängen ein paar Familienfotos und vergilbte Hinweiszettel, steht die Papptasse mit dem kalt gewordenen Kaffee vom Morgen. Die meisten booths sind längst Dependancen von Investmentbanken wie Goldman Sachs, Morgan Stanley oder Merrill Lynch. Einige Händler sind noch unabhängig. So genannte Zwei-Dollar-Broker führen Aufträge für andere Broker aus gegen eine Gebühr, die einst zwei Dollar pro 100 Aktien betrug. In den Zeiten des Börsenbooms konnten Parketthändler und Makler bis zu einer Million Dollar jährlich verdienen. Der scharfe Wettbewerb und der Druck auf die Provisionen hat die Zahl der Mitspieler in den vergangenen Jahren deutlich verringert. Von einst 50 specialists sind noch sieben übrig geblieben, davon sind nur zwei – Van der Molen und LaBranche – noch unabhängig. Der Rest gehört zu großen Finanzkonzernen.

Großinvestoren laufen Sturm gegen die alten Machtstrukturen

Die Händler tippen ihre Aufträge längst in elektronische Notizblöcke, die Stände der Kursmakler sehen inzwischen aus wie futuristische Marktbuden, voll gestopft mit Elektronik, ausgestattet mit Trauben von Monitoren. Die Börse hat Milliarden Dollar in die neueste Technologie investiert. Alles nur Fassade – das System dahinter sei altmodisch, teuer und vor allem langsam, klagen große Investoren seit Jahren. "Wir sind besorgt, dass die NYSE – das Finanzzentrum dieser Nation – unter völlig überholten Bedingungen arbeitet, die lediglich dazu dienen, die Mitglieder des NYSE-Parketts zu begünstigen", monieren beispielsweise die Manager von Fidelity in einem offenen Brief. Fidelity ist ein ernst zu nehmender Gegner: Die Fondsgesellschaft verwaltet rund zwei Milliarden Dollar und gehört damit weltweit zu den größten Investoren. Und sie ist mit Abstand der wichtigste Kunde der NYSE: Zwischen drei und fünf Prozent des täglichen Handelsvolumens an der Wall Street kommen von Fidelity.

Elektronische Konkurrenten nagen am Marktanteil der Leitbörse. Mit 80 Prozent hat die NYSE zwar noch immer den größten Anteil am Handel mit den an der NYSE gehandelten Aktien. Doch immerhin 16 Prozent der NYSE-Aktien werden inzwischen an Nasdaq, Instinet und ArcaEX gehandelt – vor zwei Jahren waren es nur 11 Prozent. ArcaEx bezeichnet sich als erste vollelektronische Börse – zu deren Finanziers unter anderem Goldman Sachs und Merrill Lynch gehörten. Entstanden ist sie durch die Zusammenführung des elektronischen Handelsplatzes Archipelago mit der Pacific Exchange. Die Pacific Exchange, die Börse San Franciscos, gab dafür nach 120 Jahren das Parkett auf.