Er kam mit einem Privatjet nach Hamburg. Privatjets machen was her, aber er, so schien es, passte kaum durch die Flugzeugtür. Viel hätte nicht gefehlt, und man hätte die Gangway wieder weggeschoben, Luciano Pavarotti hätte Hamburger Boden gar nicht berührt. Ob es die glücklichere Geschichte gewesen wäre, eine mit einem richtigen Happy End gleich zu Beginn? Eigens für den Tenor hat man das Licht in der unbenutzten Tennisanlage am Rothenbaum noch einmal angeknipst. 9800 Zuschauer im Center Court, Iwan Rebroff ist erschienen, der alte Russe, auch Otto Waalkes, der ewige Friese, ergriffen nimmt er die Kappe ab, als Pavarotti die Bühne betritt. Bis zu 270 Euro pro Eintrittskarte, so viel wie für zehnmal Hamburg - Mallorca und zurück.

Menschen mit Krämerseelen mögen so denken. Die anderen greifen zum Opernglas, denn Pavarotti hat die ersten Schritte geschafft. In der Linken das Seidentuch, lehnt er nun schwer am Konzertflügel, sein vielleicht größter Moment. Der Mann singt nicht, er steht nur da, die Arme weit ausgebreitet.

Boxer tun das bisweilen, Politiker, Olympiasieger. Pavarotti umarmt Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen gleich mit. Eine große Geste im Frack, darüber der Schriftzug A night to remember Luciano Pavarotti. Natürlich ist das kitschig. Eigentlich sind Hanseaten auch sehr kitschempfindlich, doch an diesem Abend ist alles ganz anders. Nur Applaus, nur spitze Schreie und irgendwann ein Mille grazie, Maèstro!. Im nächsten Jahr wird er 70. Es wäre vertretbar, allmählich über das Kürzertreten nachzudenken. Aber wie geht ein Tenor, einer wie er, the big P., am besten in Rente? Nach knapp 45 Jahren auf der Bühne, nach 1300 Auftritten, nach so vielen hohen C, die er an guten Abenden zehn Sekunden hielt und länger? Leider habe Pavarotti nie den richtigen Zeitpunkt erwischt, behaupten Kritiker. Mitte der siebziger Jahre sei er richtig gut gewesen, richtig gut, nur bei weitem noch nicht so bekannt. Als er schließlich erste Liga war, hatte seine Stimme schon merklich gelitten. Gar an Isabella Colbran fühlen sich so manche erinnert.

Isabella, die erste Frau von Rossini, habe im Alter ihr Gehör verloren - und unermüdlich weitergesungen. Zwei Jahre lang Arie für Arie, ein Martyrium Anfang des 19. Jahrhunderts. Aber jetzt ist es 22.10 Uhr im August 2004, O Sole Mio, Zugabe in Hamburg. Wunderbar!