Wie erfahren sie, wie wir waren, wer sagt den Kindern, was aus ihnen werden kann? Was lernen sie über den Ort, aus dem sie stammen, oder was in den Tagen ihrer Kindheit passierte, an die sie selbst keine Erinnerung haben? Solche Fragen haben in Afrika, wo der Himmel sich ziemlich hoch wölben kann und auch die Probleme des Daseins nicht selten unfassbare Dimensionen annehmen, den Klang äußerster Verzweiflung. Das große Sterben ist ausgebrochen, jedes Jahr werden Millionen von Menschen hinweggefegt, von Aids. Noch könnte ein Fremder in den Townships, auf den Märkten, in den so malerisch anmutenden Dörfern die Zeichen übersehen. Und doch, schrieb der schwedische Autor Henning Mankell, nachdem er zuletzt in Uganda war, "auch wenn sich das Leben hier wie üblich abspielte, so war es, als herrsche gleich nebenan eine große Stille". Er war zu Gesprächen mit den Kranken gekommen. Eine Exkursion in die Angst, auch die eigene, vor dem, was der Tod anrichtet, in denen, die er holt, und jenen, die er zurücklässt.

Es ist, als ob Aids unsere Vorstellungskraft überstiege. Knapp gelingt es, unsere Aufmerksamkeit auf die Flüchtlingsströme im Sudan zu fokussieren oder die Schrecken des Völkermords von Ruanda in der Erinnerung zu beherbergen. Aber 29 Millionen HIV-Infizierte? Allein in Afrika? Ganze Elterngenerationen – tot, ihre Kinder dahingetrieben über den Kontinent, wie Mankell schreibt, alles nur wenige Flugstunden von uns entfernt? Eine ganze Jugend, durch den Tod der Eltern entwurzelt, weil der Mensch, so sagt es die Bibel, zwar wie eine Blume blüht, "aber wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr". Was aus den Kindern werden kann, ist nur so lange ein Geheimnis, wie wir darüber nicht nachdenken. Am Ende des Jahrzehnts, schreibt Mankell, könnten in Afrika 40 Millionen Kinder Waisen sein.

Der Tod, befand Bazon Brock, ist eine Unverschämtheit; wer Worte des Trostes spricht, ist ein Verräter. Aber es gibt tatsächlich doch, inmitten des Grauens, Zeichen, nicht gerade von Hoffnung, aber davon, dass Menschen dem Unausweichlichen gelegentlich etwas entgegenzusetzen haben. In diesem Fall: Bücher. Es sind so genannte memory books, in denen sterbende Eltern ihren Kindern vom Leben erzählen: eben wer sie waren, woher sie kamen, auch dies ein Ereignis von unfassbarer Dimension. Abertausende von Menschen erfinden, bewegt von der Sorge um ihr Liebstes, ihre Kinder, eine neue Gattung der Literatur: Todesabschiedsbriefe. Obwohl viele von ihnen weder schreiben noch lesen können.

"Deine Mutter ist die erste Tochter ihrer Eltern und deren fünftes Kind", schreibt beispielsweise Christine Aguga auf, deren memory book Mankell mitgebracht und nun außerhalb von Afrika veröffentlicht hat. "Ich wuchs als bescheidenes, geduldiges und gehorsames Kind auf. Meine Eltern liebten mich…"

Es sind Erinnerungen für ihre Tochter Everlyn, sie folgen einer Art von Fragebogen, den Beatrice Muwa, eine Gesundheitsberaterin in Uganda, erdacht hat und den die Menschen als Halteseil benutzen können, für den Abstieg in die Vergangenheit. Die Bücher bergen Gekritzeltes, Zeichnungen, manchmal notdürftig befestigte Objekte, Blüten, Haarlocken, viele Bücher werden diktiert. Christine erzählt also von den Großeltern, dem "ehrwürdigen Eric Andrew Okoth und Frau Pherry Okoth", sie nennt ihre Geschwister, alle ihre Namen, Stephan, Jenan, Florence, Annet, Irene, berichtet von den Hoffnungen der Familie, den Streitereien, von ihrer Ehe, von Everlyn selbst. "Es war eine normale Geburt, dein Gewicht betrug 2900 Gramm." Der Tag ihrer wertvollsten Erinnerung! "Weil Du so ein liebenswertes Baby warst."

Knapp 100 Seiten hat Mankell diesem kleinen Dokument vorangestellt, und man kann nicht behaupten, dass er seine Emotionen kontrollieren würde, den Schmerz über das Gesehene und die Wut über unsere angebliche Zivilisation, die dem Sterben uninteressiert zuschaut, ohne auch nur Schmerzmittel zu reichen, geschweige denn bezahlbare, die Krankheit eindämmende Medizin. "Ich habe Menschen in Häusern, die weit von hier entfernt liegen, vor Schmerzen schreien hören, ehe sie verstummt und in das andere Dunkel verschwunden sind, das nicht vergeht, wenn die Sonne wiederkehrt", sagt Moses, einer der Kranken.

Die memory books sind keine Arznei, können den Schmerz nicht betäuben, schon gar nicht uns exkulpieren. Im Gegenteil. Memory books sind auch Anklageschriften, solche der leisen Art. Und die ergreifendsten, schreibt Mankell, bleiben stumm, haben nichts als leere Seiten, als hätte sich die Angst auf sie gelegt, eine Vorwegnahme der letzten Stille.