Schaut man nur auf eine Zahl, könnte die Lage nicht besser sein: Um über sechs Prozent ist Polens Wirtschaft im ersten Halbjahr gewachsen, so schnell wie seit 1997 nicht mehr. Optimisten glauben, dass auch am Jahresende eine Sechs vor dem Komma steht – damit wäre der Neuankömmling im Europa der 25 Spitzenreiter, zumindest unter den großen Ländern.

Schaut man auf andere Zahlen, ist die Lage marode: Die Arbeitslosenquote liegt bei knapp 20 Prozent, kaum mehr als die Hälfte der erwerbsfähigen Bevölkerung arbeitet auch. Etwa 38 Millionen Polen erwirtschaften im Jahr gerade mal so viel wie die fünf Millionen Einwohner Dänemarks. Die Armutsrate steigt, der Einkommensunterschied zwischen Reich und Arm wird größer.

Was also gilt? Dass Polen, wie die Warschauer Tageszeitung Rzeczpospolita bitter anmerkte, dem Pro-Kopf-Einkommen nach dieses Jahr "zum ärmsten Land der Europäischen Union" zu werden droht, noch ärmer als Litauen und Lettland? Oder dass, wie das deutsche Magazin Capital schon vor ein paar Monaten schrieb, "ein Tiger vor der Haustür" Deutschlands zum Sprung ansetzt – einem sehr weiten diesmal, mit dem viele Probleme überwunden werden können?

Fragt man Wirtschaftsexperten in Warschau, lautet die ehrliche Antwort: Wir wissen es nicht. Ob aus dem Boom ein Dauerboom werde, sei alles andere als ausgemacht, meint Oskar Kowalewski, Ökonom an der Akademie für Unternehmertum und Management. "Das Potenzial ist da. Ob es genutzt wird und notwendige Veränderungen schnell kommen, ist fraglich", sagt Katarzyna Pietka vom Wirtschaftsforschungsinstitut CASE.

Polen ist zweigeteilt – in "Polen A und Polen B", wie es Kowalewski ausdrückt. Polen A, das ist das Polen der Exporteure, der dünnen Schicht der Reichen und der wachsenden urbanen Mittelklasse. Die Produkte der Ausfuhrunternehmen – Autos, Möbel, Maschinen – verkauften sich im ersten Halbjahr so gut wie lange nicht. Wer bei ihnen oder in Banken, Versicherungen und bei anderen Dienstleistern in den städtischen Zentren arbeitet, verdient recht gutes Geld, vor allem dann, wenn er zur Riege der qualifizierten Fachkräfte gehört. Die war es auch, die in den vergangenen Monaten mithalf, die Binnennachfrage ordentlich anzuheizen. Immer mehr Polen können sich Autos und Waschmaschinen leisten. Privater Konsum ist neben dem Export zum wichtigsten Wachstumsmotor geworden.

Polen B allerdings profitiert vom Aufschwung nicht. Polen B ist das Polen großer Teile der ländlichen Bevölkerung, der überwiegend schlecht ausgebildeten Arbeitslosen und all jener Menschen, die beim Wandel zur Marktwirtschaft zurückgeblieben sind. "Die Unreformierbaren" nennt sie die junge Chefin einer deutschen Wirtschaftsorganisation in Warschau; "das vom Kommunismus vererbte Problem" die Ökonomin Pietka. "Wachstum hilft ihnen nicht", sagt Oskar Kowalewski. "Wachstum vergrößert nur ihren Abstand zu Polen A." Auf 14 Prozent wird die Armutsrate im Land geschätzt; knapp ein Siebtel aller Einwohner muss mit einem Monatseinkommen auskommen, das teilweise deutlich unter der Hälfte eines Durchschnittslohns von derzeit rund 540 Euro liegt.

Es fehlt an Arbeit. Der Club der Industrienationen, die Pariser OECD, hat Polen vorgeworfen, den am schlechtesten funktionierenden Arbeitsmarkt aller 30 OECD-Länder zu haben. Mit 51,5 Prozent ist die Erwerbsquote – der Anteil der Beschäftigten an der arbeitsfähigen Bevölkerung – so gering wie nirgendwo sonst in der EU. In den frühen neunziger Jahren wurden Hunderttausende Polen aus unproduktiven Jobs in die Obhut des Staates abgeschoben, heute unterhält die Regierung neben den Arbeitslosen ein Heer von Invaliditätsrentnern, Frühpensionären und anderen Hilfsempfängern. Würden die teilweise noch staatliche Schwerindustrie und der Bergbau privatisiert, dann könnten noch einmal bis zu 300000 Menschen arbeitslos werden. Dazu kommt eine fast überall kleinteilige und damit in der großen EU wenig konkurrenzfähige Landwirtschaft, die zwar knapp 20 Prozent aller Polen mehr schlecht als recht beschäftigt, aber nur drei Prozent zum Inlandsprodukt beiträgt.

Der Regierung fehlt Geld für Bildung, Straßen und Gesundheit