Baiba Skride war zehn Jahre alt, als in der elterlichen Wohnung in Riga plötzlich der TV-Bildschirm dunkel wurde. Es war im August 1991, sowjetische Truppen waren einmarschiert, um die Unabhängigkeitsbewegung der Letten zu stoppen, und besetzten das Fernsehstudio. Der Putschversuch endete unblutig. "Wir hatten eine singende Revolution", sagt die Geigerin, "die Leute stellten sich vor die Panzer, haben gesungen und sich einfach nicht bewegt. Wir haben ihnen Kaffee gebracht." Und nun steht sie 50 Kilometer nördlich von Berlin auf einem gigantischen leeren Militärflugplatz, den noch bis 1994 die Russen betrieben. "Ein ungutes Gefühl", meint Skride, aber das merkt man ihr nicht an, als sie dann im ehemaligen Hangar für Kampfjets auftritt.

Hier trifft man sich seit drei Jahren zum Bebersee Festival, einer kleinen und hochkarätigen Kammermusikwoche, bei der Pianist Markus Groh mit befreundeten Kollegen ungewöhnliche Programme realisiert. Denkbar groß ist für Skride der Kontrast zwischen den menschenarmen Weiten Brandenburgs und Salzburgs Trubel, wo sie zuvor als Solistin bei den Festspielen debütiert hat. Doch mit Extremen ist die Musikerin vertraut. Nicht erst, seit sie die gefürchtetste Geigerarena der Welt, den Brüsseler Wettbewerb Reine Elisabeth, als Siegerin verließ (ZEIT Nr. 24/01). In Tschaikowskys Violinkonzert schritt sie wie über Wellen, mit ferner Ironie inmitten der Perfektion, und überwältigte damit Jury, Kritik, Publikum und Konkurrenz.

Letztere ist groß wie nie zuvor. Es gibt Hunderte junger Geiger, die technisch keine Grenzen kennen, darunter nicht wenige, die künstlerisch etwas zu sagen haben so wie Skride. Schon mit drei drängte sie zur Geige. Zuerst nur, "weil meine ältere Schwester auch Geige spielte, aber dann hat sich das so entwickelt, dass gar nichts anderes infrage kam". Obwohl sie sich auch für Psychologie interessiert, gern im Ballett getanzt hätte und das Klavier liebt: "Da bin ich immer hingegangen, wenn ich traurig war, da konnte ich spielen, was ich wollte, es klang gleich so gut." Das Klavierspielen übernahm ihre jüngere Schwester, und vom Ballett-Traum blieb der Pferdeschwanz, mit dem die 23-Jährige beim Auftritt braver aussieht als im Alltag mit offenen Haaren und kurzem Rock. Den Weg zur Hochgeigerei wiesen ihr zuerst die Eltern, beides Musiker, dann die Musikschule (in Lettland gab und gibt für zweieinhalb Millionen Einwohner 90 solcher Institute, deren Besuch nichts kostet), dann eine Spezialschule für Musiktalente. Und sobald sich nach dem Bersten des Eisernen Vorhangs der Staub verzogen hatte, reiste Baiba ans andere Ende der Ostsee. Mit 14 Jahren pendelte sie zwischen ihrem Professor in Rostock und den Schulstunden in Riga. Mittlerweile pendelt sie zwischen ihrer Wohnung in Hamburg und einer in Paris, wo ihr Verlobter wohnt. Renaud Capuçon ist ein gefragter junger Geigensolist. "Darum verstehen wir uns. Es wäre schlecht, wenn er nur zu Hause säße oder in einem Orchester. Manchmal kriegen wir beide dasselbe Konzert angeboten!"

Wann ist sie eigentlich musikalisch "erwachsen" geworden? Wann hat sie die Gestaltung eines Stücks erstmals als etwas Eigenes empfunden? Sie zögert und zieht an ihrer Gauloise (was ihre Mutter nicht wissen soll): "Meine Lehrer haben nie versucht, das Eigene rauszunehmen…" Was aber ist es? Skride hat beim Spielen die Gabe inspirierter Selbstvergessenheit und einen unverwechselbar dichten Ton, der von herb bis silbrig reicht (manche finden ihn auch "uncharmant"). Das intellektuelle Format, die Spannung im Vielschichtigen, scheint ihr eher zuzuwachsen, als dass sie analytisch darüber nachdächte. Wenn sie mit ihrer Schwester Lauma, der Pianistin, Musik des unberechenbaren Alfred Schnittke spielt, dann ist das witzig, radikal, präzise, reich an Assoziationen.

Beschwerlicher scheint der Weg zu Bach. Den Solosonaten hörte man bei Skrides Konzerten noch vor kurzem den Marmortempel an, zu dem Generationen von Geigern diese Musik poliert haben, fugendicht und starr, als dürfe man nicht damit spielen. Auf ihrer ersten CD, die neben klassischer Moderne auch Bach enthält, ist die Geigerin ihm etwas näher gekommen. Gewaltiges "russisches" Vibrato steht ihr ohnehin weder zu Gebote noch im Weg, sie formt in der d-Moll-Partita ihre Töne vom Kern her, ohne Kosmetik. Aber mit Genuss und Bewusstsein in die Musik eindringen kann sie doch noch besser bei Ysaÿe und Bartók. Da spinnt sie Töne ganz fein, ganz versonnen oder macht sie zu kantigen Ausrufezeichen. Alles ist verbunden in einer Art Erzählung – und in ihrem schönen Sandelholz-und-Silber-Timbre.

Vor dieser Aufnahme, die jetzt bei Sony erscheint, hatte Baiba Skride Angst, und sie fand sie anstrengender als jedes Konzert. "Ich bin ein spontaner Mensch, und wenn man zehnmal das Gleiche machen muss und jedes Mal konzentriert sein… Ich habe eine Woche nicht geschlafen!" Lampenfieber kennt sie aber auch sonst. Dagegen helfe vorm Konzert ein Tee, "außerdem beruhigt es mich sehr, wenn ich mir das Gesicht anmale und das Kleid bügele". Das Gefährlichste hingegen sei, anzunehmen, es werde sowieso alles gut gehen. Beim Brüsseler Wettbewerb hatte sie sich keine Chance ausgerechnet. "Ich fand es verrückt, da hinzugehen." Ihr Sieg habe dann zu Einladungen geführt, "aber eigentlich", sagt sie, "braucht man keine Wettbewerbe mehr. Viele schaffen es auch so." Und viele Gewinner von einst wurden vergessen. Dagegen hilft vielleicht Baiba Skrides Credo: "Es kann nie gut genug sein." Im umgebauten Sowjethangar nördlich Berlins muss sie nur Klaviertrio-Petitessen von Furtwängler und Strauss spielen. Aber ihre paar heikleren Stellen übt sie hinterm Podium noch in den letzten Sekunden bis zum Auftritt in der Einöde.