Es ist jedes Mal ein betörender Augenblick, wenn im Bayreuther Festspielhaus das Licht langsam erlischt und von irgendwoher im äußersten Pianissimo das tiefe Es der Kontrabässe zu grummeln beginnt, wenn nach und nach Fagott, Hörner und Streicher hinzutreten und den Uranfang des Rheingolds formen. Der Mischklang, der aus dem überdeckelten Bayreuther Orchestergraben herauftönt, ist des Meisters höchstpersönliche Erfindung, schließlich hat Richard Wagner die fränkische Kunstscheune mit dem berühmten "mystischen Abgrund" selbst konzipiert. Wer Wagner im Originalklang hören will, so denkt man, muss zum Grünen Hügel pilgern.

Aber es gibt auch Dirigenten, die einen originalen Wagner-Klang gegen Bayreuth ins Feld führen. Die Streicher hätten im 19. Jahrhundert auf Darm- und nicht auf modernen Stahlsaiten gespielt, argumentieren sie, die Holzblasinstrumente und die Hörner seien anders konzipiert gewesen, man habe in einer tieferen Stimmung gespielt als heutzutage am Grünen Hügel. Vor acht Jahren hat Roger Norrington mit seinen London Classical Players eine CD mit Wagner-Ouvertüren auf den Markt gebracht, getragen von dem Wunsch, "Wagner so zu behandeln, als sei es Musik und nicht eine einzigartige mythische Substanz, die man nur durch einen sehr langsam rotierenden Nebel" wahrnehmen könne. Das Tristan- Vorspiel geriet ihm – befreit vom Nebel und viel schneller als üblich dirigiert – zu einem faszinierenden langsamen Walzer. Norringtons Experiment klang wie eine heimliche Bewerbung für Bayreuth, aber am Grünen Hügel wird die Originalklangpraxis bis heute hartnäckig ignoriert.

Im Festspielhaus von Baden-Baden hat sich nun ein weiterer englischer Dirigent an Wagner "in historischer Aufführungspraxis" gewagt. Simon Rattle dirigierte eine konzertante übertragene Rheingold- Aufführung, mit dem Londoner Orchestra of the Age of Enlightenment erarbeitet – auf Darmsaiten, mit Hörnern der Zeit und einem auf 435 Hertz heruntergestimmten Kammerton A. Der Oboist ließ sich für das Unternehmen sogar eigens ein Instrument in der Ausführung des 19. Jahrhunderts bauen. Dementsprechend unterscheidet sich der Orchesterklang vom Bayreuther misterioso. Er ist direkter bei merklich schwächerem Volumen. Die Instrumentalfarben changieren greller und unvermittelter. Der Tonfall wirkt argumentativer und zielt weniger auf Rausch und Überwältigung. Es fehlt die ganz große Brillanz, die Dringlichkeit erwächst aus den Details.

Man spürt in Baden-Baden schnell, worauf Rattle mit seiner Deutung hinauswill: Er versucht das spritzige, bewegliche Kammerspiel in Rheingold herauszukehren, den Tetralogie-Vorabend der bösen Zungenschläge und des scheinheiligen Glanzes, der Ironie und der aggressiven Durchbrüche. Rattle gewährt den Sängern viel Ausdrucksfreiräume zwischen entspanntem Parlando, freiem lyrischem Ausschwingen und hochfahrenden Espressivogesten. Die Abgründe lauern hinter dem Konversationston, und zur Referenzfigur wird der blitzgescheite, hakenschlagend sarkastische Loge, den Kim Begley mit leicht geführtem Tenor und verächtlich hochgezogenen Augenbrauen gibt. Loges wendiger Zynismus ist dem Dirigenten viel näher als das Pathos des großen Weltbewegers Wotan, den Willard White mit einem echsenhaften Gleichmut singt.

Aufgegangen ist Rattles Konzept trotzdem nicht. Dafür hat das Orchester einfach nicht gut genug gespielt. Unbefriedigend schon der Anfang: Holprig, mit Hornpatzern und unschönen Übergängen erklingt das Weltwerden aus dem Es-Dur-Urgrund des Rheins. Banal und im Bläserklang fast schon plärrend schimmert das Gold in der Rheintöchterszene – mehr Katzengold als der Stoff, aus dem sich die Macht über die Welt gewinnen lässt. Auch die Götterburg Walhall erhebt sich andernorts strahlender aus dem Orchestergraben. Rattle schien die illusionistischen Effekte des Rheingolds gar nicht auskosten zu wollen. Eher war ihm daran gelegen, die innere Mechanik des Wagnerschen Klangzaubers offen zu legen: wann welcher Scheinwerfer in der Musik angeknipst wird, wo die urplötzlich auftauchenden düsteren Schlagschatten entstehen und wie die Klangnebelmaschine im Detail funktioniert. Das hätte er mit einem anderen, Wagner-erfahreneren Orchester gewiss deutlicher herausgearbeitet. Aber die Baden-Badener Rheingold- Aufführung war sowieso nur ein Probelauf für den kompletten Ring, den Rattle im nächsten Jahr in Aix-en-Provence in Angriff nehmen wird – dann mit den Berliner Philharmonikern. Und für ein Originalklangexperiment in Bayreuth, mit welchem Dirigenten auch immer, ist die Zeit allemal reif.