Schrumpf? Klingt nicht hübsch. Kein Wunder, dass die deutsche Sprache das Wort vergessen hat. Das Grimmsche Wörterbuch kannte noch den Fruchtschrumpf, also den verschrumpelten Apfel, der kein bisschen mehr an seine alte Größe und Frische erinnert. Nun scheint es aber, dass wir den Schrumpf wieder aus der Mottenkiste holen müssen.

Denn unsere Städte schrumpfen. Nicht alle, aber immer mehr. Längst nicht nur die im deutschen Osten, auch Lübeck, Essen und Mannheim klagen über Bevölkerungsverluste. Niemand weiß genau, wie viele Wohnungen in Deutschland leer stehen. Zwischen ein und zwei Millionen, wird vermutet. Dass Bewohner ihre Stadt verlassen wie die Ratten das sinkende Schiff, hat verschiedene Gründe. Die einen zieht’s ins Grüne, um dort das Glück in den eigenen vier Wänden zu finden. Die anderen gehen dahin, wo es noch Arbeit gibt. Zurück bleiben Häuser, hinter deren Fenstern kein Licht mehr brennt.

Wie man mit dem Problem umgehen soll, ist unklar. Anders als in Wachstumskategorien zu denken fällt schwer. Die stereotype Reaktion auf den Wohnungsleerstand heißt Abriss. Stadtplaner sprechen zwar euphemistisch von "Stadtumbau", "Umstrukturierungsbedarf" oder "Stabilisierung des Mietsektors", lassen aber doch nur die Abrissbirne schwingen – ganz so, als müsste jedes Anzeichen des Niedergangs sofort ausgemerzt werden.

"Ist der gegenwärtige Abriss von aufgegebenen Gebäuden eine angemessene Reaktion", fragt Kyong Park, "oder ist es eine kulturelle Psychose, die auf unserer Furcht vor dem Ende der Zivilisation beruht?" Kyong Park, Künstler, Architekt und Direktor des International Center for Urban Ecology in Detroit, weiß, wovon er spricht. Detroit ist die Schrumpf-City schlechthin. In den vergangenen Jahren hat sie die Hälfte ihrer Einwohner verloren: eine Million Menschen. Außerdem ist Park einer der Kuratoren der von der Bundeskulturstiftung finanzierten Ausstellung Schrumpfende Städte, die am 4. September in Berlin beginnt.

"You’re not alone", benennt Hauptkurator Philipp Oswalt die Botschaft der Ausstellung. "Es ist beileibe kein ostdeutsches Phänomen, dass die Städte an Einwohnern verlieren. Nicht einmal ein deutsches." Ein Schrumpf zu sein ist kein Ausnahmezustand. Es ist paradox: Nach wie vor wächst die Weltbevölkerung jede Woche um eine Million, und Megalopolen wie Shanghai oder São Paulo explodieren geradezu. Dennoch haben weltweit 400 Großstädte in den vergangenen Jahren mindestens ein Zehntel ihrer Einwohner verloren, darunter Städte wie Paris, Boston und Oslo.

Zeit also für eine Bestandsaufnahme: Architekten, Künstler, Stadtgeografen, Ethnologen und Kulturwissenschaftler haben sich angesehen, wie das Leben in schrumpfenden Städten funktioniert. Die Berliner Ausstellung zeigt nun, wie der industrielle Niedergang Manchester und Liverpool beutelte, wie Detroit infolge der Suburbanisierung zu einer großen Brache verkommt und wie man im russischen Ivanovo ohne die sozialistischen Kombinate über die Runden kommt. Die Region Halle/Leipzig hat mit all diesen Phänomenen zugleich zu kämpfen. Doch allen Städten ist eins gemeinsam: Die leeren Behausungen bleiben zurück. Und es lohnt sich zu beobachten, was mit ihnen passiert.

MEHR PLATZ

Wenn Menschen gehen, heißt das zunächst nur, es gibt mehr Platz für die, die bleiben. In Ivanovo, 300 Kilometer nordöstlich von Moskau, wird das als Befreiung empfunden. Zu Sowjetzeiten teilten sich vier Textilarbeiter im Arbeiterwohnheim ein elf Quadratmeter großes Zimmer. Heute, die Fabriken sind nicht mehr, leben meist nur noch zwei Bewohner in einem Raum und empfinden das durchaus als Luxus. Sie renovieren in Eigenregie die früheren Gemeinschaftsräume und pflanzen in den Grünanlagen vorm Haus Gurken und Tomaten an. Wo früher alles offen stand, gibt es nun Stahltüren mit Codeschlössern – your home is your castle. Viele Mieter wollen die Zimmer gern als Eigentumswohnungen erwerben.