Hans Eichel sitzt in der Falle: Entweder zieht er in der Finanzpolitik die Notbremse und geht damit das Risiko ein, die beginnende Erholung der Konjunktur gleich wieder abzuwürgen - oder er wird aller Voraussicht nach in diesem Jahr den zweifelhaften Ruhm erringen, den von seinem Vorvorgänger Theo Waigel aufgestellten Schuldenrekord zu übertreffen.

Zweifellos ist es erfreulich, dass die Wirtschaft in der Bundesrepublik endlich wieder wächst. Immerhin wurden im zweiten Quartal real zwei Prozent mehr Dienstleistungen und Waren produziert als ein Jahr zuvor. Und es ist nicht nur für den Bundesfinanzminister eine gute Nachricht, dass internationale Organisationen wie der Weltwährungsfonds (IWF) und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wie auch deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Konjunkturprognosen in jüngster Zeit leicht nach oben korrigiert haben.

Doch bitte noch nicht jubeln! Die Erholung ist zu schwach, um am Arbeitsmarkt eine Wende zum Besseren auszulösen. Außerdem ist das Wachstum nicht nur wegen des hohen Ölpreises alles andere als robust. Auch wegen der nach wie vor geringen Inlandsnachfrage kann von einem soliden Aufschwung auf breiter Basis noch keine Rede sein.

Es geht jetzt nicht darum, durch zusätzliche öffentliche Ausgaben und höhere Staatsdefizite die Konjunktur anzukurbeln. Aber in der gegenwärtigen Situation wäre es verfehlt, wenn der Bundesfinanzminister die Ausgaben im Bundeshaushalt zusammenstreicht, um die geringeren Steuereinnahmen auszugleichen. Ein solches Vorgehen würde die Binnennachfrage entscheidend schwächen und den dringend notwendigen Wirtschaftsaufschwung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben.

Insofern sollte sich auch niemand von der Nachricht erschrecken lassen, dass das Staatsdefizit im ersten Halbjahr die Rekordmarke von vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht hat. Allein der Bundesfinanzminister hat in der ersten Jahreshälfte schon gut elf Milliarden Euro mehr Schulden aufgenommen als ursprünglich für das gesamte Jahr 2004 veranschlagt.

Tatsächlich bleibt ihm jedoch gar nichts anderes übrig, als die Nettokreditaufnahme deutlich aufzustocken, auch wenn er sich wegen eines weiteren Verstoßes gegen den europäischen Stabilitätspakt neuen Ärger mit Brüssel einhandelt. Nächstes Jahr könnte ihm das noch einmal geschehen.

Die Zahlen belegen insgesamt nur, dass sich Hans Eichel und auch seine Kollegen in den Bundesländern konjunkturgerecht verhalten haben. So wird vor allem Eichel seinen Kopf für die hohen Zahlen hinhalten und mit dem Makel des Schuldenmachers leben müssen. Dafür wird er bezahlt.