Seit jeher dient das Schachspiel auch als Metapher für die Vergänglichkeit alles Irdischen.

Welt ist ein Schachbrett, Tag und Nacht geschrägt,
Wo Schicksal Menschen hin und her bewegt,
Sie durcheinander schiebt, Schach bietet, schlägt
Und nacheinander in die Schachtel legt.

So dichtete der persische Dichter Omar Chajjam im 11. Jahrhundert. Und nahezu identisch sagen es christliche Prediger des Mittelalters, aber auch Cervantes in einem Dialog zwischen Don Quijote und Sancho Pansa, um anhand des damals weit verbreiteten Schachspiels das letztlich vergebliche Ringen um weltliche Güter und Ehren und den Triumph des "großen Gleichmachers" zu illustrieren.

Bei Alfred Kubin sind zwei Skelette über die längst von Spinnweben überzogenen Schachfiguren gebeugt, vom unerbittlichen Schnitter Tod auch in diesem Refugium angetroffen, das durch sein "für ewige Zeiten geschaffenes Regelwerk" nur scheinbar Sicherheit und Verlässlichkeit über alle Wechselfälle des Lebens hinaus gewährt.

Auch die überlebensgroßen Schachfiguren beim Sandskulpturen-Festival in Travemünde mussten sich längst den Unbilden der Witterung und vor allem dem ständig nagenden Zahn der Zeit geschlagen bekennen, ihre Stellung und ihr Wirken leben nur noch immateriell im Geiste der Besucher fort.

In Indien gibt es einen sehr populären Film, in dem zwei Männer tief versunken Schach spielen und darüber den draußen wütenden Krieg mit dem ganzen Töten gar nicht wahrnehmen – ihr gesamter Kosmos, all ihr Sinnen und Trachten ist in den kleinen Holzfiguren enthalten.

Wohl nicht zufällig fesselt diese Konstellation gerade dieses Volk, bei dem zum einen der Tod im Erleben immer allgegenwärtig ist, wo aber auch der Ursprung des Schachs liegen mag und wo im Gefolge des Schnellschachweltmeisters Viswanathan Anand in den letzten Jahren viele Talente nachreiften, die Indien aus einem tiefen Schachschlaf wieder zu einem der stärksten Schachländer haben werden lassen.