Der Mann hat die Postur eines Judokämpfers, er heißt Franco Fürstenhoff, er ist 34 Jahre alt, und im Deutschen Haus in der Olympia-Stadt Athen lohnen jetzt die langen Trainingsstunden daheim in einem Fitnesskeller Münchens. So viel Wasser hat Franco noch nie geschleppt, einer von 30 eingeflogenen Bediensteten, die zusammen mit ebenso vielen Einheimischen unter deutscher Flagge die olympische Familie bedienen samt ihrem journalistischen Dienstpersonal, 1500 Mahlzeiten täglich.

Noch mehr als seine gestählten Muskeln kommt Franco Fürstenhoff die kühle Gelassenheit des gereiften Oberkellners zupass sowie die Übersicht von 14 Jahren Mittelfeld-Regie in der Bezirksliga Leipzig. Die Stimmung im Deutschen Haus jagt auf und nieder wie die Kür eines Trampolinspringers, Franco aber serviert das Bier über jede Depression hinweg, ohne je den Blick zu verlieren für die Athleten, denen er in einem kleinen Zwischenhoch ein Autogramm abjagt.

Das Deutsche Haus, von Sponsoren unterhalten, vom Bundesgrenzschutz bewacht, ist in der deutschen Schule untergebracht, in unmittelbarer Nähe des Olympia-Komplexes, und im Pausenraum der Schüler produziert eine mobile Backstube kleine und große Brötchen. In der Aula geben enttäuschte und glückliche Sportler Interviews, aus dem Schulhof wurde die Palmen-Lounge, dort arbeitet Franco, dort schwimmen, turnen und rennen die Athleten auf großen Bildschirmen, und weil Franco hin und wieder einen Blick darauf wirft, weiß er genau, welche Athleten später niedergeschlagen ins Deutsche Haus kommen werden, um ihre Interviews zu geben.

Mit den Schwimmern fing es an. Weltmeisterin Antje Buschschulte Sechste über 100 Meter Rücken, Goldkandidatin Hannah Stockbauer Zwölfte im Vorlauf, Franziska van Almsick ohne Worte für ihren Untergang über 200 Meter Freistil. Jeden Morgen rang eine andere Medaillenhoffnung im Deutschen Haus nach Erklärungen, verzweifelt, trotzig, reumütig. Über meine Zeit lache ich selber, sagte Franziska van Almsick. Ich hatte nicht dieses Olympia-Gefühl, sagte Hannah Stockbauer. Dann verließen sie den Presseraum noch geprügelter als die Wettkampfstätte, und die Höflichkeit verbot es Franco, den Mädchen sein weißes T-Shirt vorzulegen, damit sie ihr Zeichen darauf setzten. Als dann aber diese Blonde mit den blauen Fingernägeln, Anne Poleska, 200 Meter Brust, endlich eine Bronzemedaille gewann, war sie derart umlagert und in Beschlag genommen, dass er es auch nicht wagte, sein Anliegen vorzutragen. Ganz anders bei Jan Ullrich. Der hatte zwar verloren, im Straßenrennen und im Einzelzeitfahren, aber als er ins Deutsche Haus kam, da klatschte Franco Fürstenhoff; und er fühlte, der Jan war ein Kumpel, der ihm sein Anliegen nicht abschlagen würde. Das war sein erstes Autogramm, andere kamen hinzu, die Judoka hatten Zeit für ihn, selbst wenn sie, wie Yvonne Bönisch, das erste Gold für Deutschland gewonnen hatten und im Deutschen Haus eine kurzfristige Euphorie auslösten.

Aber die Ruderer gingen unter, die Fechter floppten mit dem Florett, die Vielseitigkeitreiter gewannen Gold und verloren es wieder. Im Deutschen Haus, von einer dreifachen Sicherheitskontrolle geschützt, passierte nichts anderes als bei den Schwimmern: Die Lockerheit ging verloren, und schon wurde die Frage gestellt, ob mit den sportlichen Niederlagen der Niedergang Deutschlands eingeläutet sei.

Der Ruderer Marcel Hacker: "Der Kopf war zu"

Franco Fürstenhoff aber, Oberkellner im temporären Auslandseinsatz, rechnete. Er rechnete, dass viele Nationen, verteilt über den Globus, von sportlichem Entwicklungsgebiet zu Schwellenländern geworden sind, hungrig und ehrgeizig, er rechnete, dass es in vielen Sportarten plötzlich viel mehr Menschen gab, die für den Lorbeerkranz trainierten, und es schien ihm, dass dieses ganze depressive Getue im Deutschen Haus ziemlich übertrieben war. Zumal diejenigen Sportler, die noch aus der ehemaligen DDR stammen, eben älter geworden sind und es dieses Ausbildungssystem, optimale Trainingsbedingungen, aber immer die Peitsche im Rücken, heute nicht mehr gibt. Glücklicherweise.

Einer dieser alten Recken kam dann auch ins Deutsche Haus. Es war der Ruderer Marcel Hacker, der nach der Wende zu seiner eigenen Peitsche geworden war, sich antrieb wie kein anderer, trainierte wie kein anderer, sich abschottete wie kein anderer und der zu den sicheren Medaillenanwärtern des Deutschen Ruderverbandes zählte. Dann schied er im Halbfinale des Einer-Wettbewerbs aus. "Der Kopf", sagte Marcel Hacker, ließ hilflos die mächtigen Schultern hängen, "der Kopf war zu."