Ein Abend im Olympiastadion. Als Journalist ein Vergnügen. Zu Fuß vom Pressezentrum, von freundlichen Hostessen geleitet, ein Platz mit ungetrübter Sicht auf den Zieleinlauf. In Athen sind die Arbeitsbedingungen für Journalisten ideal. Der Transport zu den Wettkampfplätzen klappt pünktlich und zuverlässig, ein Heer von Helfern schafft Resultatlisten herbei, an Bier und Würstchen ist kein Mangel. Aber die hartgesottensten Vertreter der Zunft finden immer ein Haar in der Suppe. Jetzt beklagen sie sich darüber, dass der Funke der olympischen Begeisterung nicht überspringe auf das griechische Volk und viele Stadien leer seien.

Aber die Zuschauer werden nicht bis zum Eingang gefahren, oft müssen sie lange Fußwege zurücklegen, ein Platz im heißen Kessel kostet hundert Euro heute Abend, und ein Lehrer verdient keine tausend im Monat. Und trotzdem ist das Stadion leidlich gefüllt, und wie springt der Funke über, wie tobt das Volk, als die griechische Dreispringerin zum Sprung auf Gold ansetzt. Sie gewinnt Silber, und die Ereignisse überschlagen sich. Denn gleichzeitig springen die Zehnkämpfer über die Hochsprunglatte, die ungarischen Diskuswerfer übertreffen sich mit neuen Bestweiten, und im Finale der 800-Meter-Läuferinnen versinkt die Favoritin Maria Mutola ins Elend eines vierten Platzes. Und es ist gar nicht leicht, den Überblick zu behalten, ohne die kundige Führung des Fernsehkommentators, der immer eine beruhigende Statistik, immer einen tröstlichen Vergleich zur Hand hat. Denn das Resultat, das auf der Anzeigetafel erscheint, sagt uns nichts, wenn wir die Geschichte dahinter nicht kennen.

Die Nigerianerin Glorie Alozie scheidet aus über die 100 Meter Hürden. Keine Versöhnung für sie. In Sydney vor vier Jahren kam ihr Freund bei einem Autounfall ums Leben. Dann verlor sie Gold um 20 Zentimeter.

Und jetzt die härteste Runde der Leichtathletik, Vorlauf, 400 Meter Hürden, alle 35 Meter ein Hindernis, 91,4 Zentimeter hoch, jetzt lässt Felix Sanchez, schmal und dunkelhäutig, sein Armband blinken. Dieses Armband ist ein orangefarbenes Ungetüm aus Plastik, es ist ein Souvenir der Olympischen Spiele von Sydney, und dort bekamen es die Verlierer. Seit Sydney lässt Felix Sanchez vor jedem Rennen das Armband blinken, es ist das Feuer seiner Schmach, und es ist die Erinnerung an seinen Traum, das erste Gold zu gewinnen für die Dominikanische Republik. Immer blinkte sein Armband, das orangefarbene Ungetüm, die Schmach und der Traum eines armen Kindes illegaler dominikanischer Einwanderer in New York, USA.

Die Eltern trennten sich, die Mutter zog mit ihm nach Kalifornien. Seinen ersten Wettkampf über 100 Meter verlor er gegen ein Mädchen, und das war der Grund, warum er ernsthaft zu trainieren begann. Zu Hause sprachen sie spanisch, und als er sich 1999 nicht für das US-Team qualifizierte, stellte ein Journalist den Kontakt zur Heimat seiner Eltern her. Seither rennt er für die Dominikanische Republik. In Sydney schied er im Halbfinale aus, nachher ging sein Stern auf. Am 10. August 2001 wurde er in Edmonton Weltmeister in einer Zeit von 47,49 Sekunden, und er hat bis zum Beginn der Spiele seine Bestzeit auf 47,25 Sekunden gesenkt.

Würden Sie, um zu gewinnen, auch zu verbotenen Mitteln greifen?

"Es gibt einen Moment im Leben, da musst du dir überlegen, was ist wichtiger, das Leben oder das Geld. Einige entscheiden sich für das Geld. Aber man sollte nicht nur an das Geld denken. Ich habe vielleicht weniger Sponsorengelder, weil ich für die Dominikanische Republik starte und nicht für die USA. So bin ich kein Millionär, aber ich bin ein Vorbild für die Jungen in meinem Land, zeige ihnen, dass sie mit harter Arbeit etwas erreichen können."