Die Summe der Staatsausgaben in den östlichen Bundesländern belief sich im vergangenen Jahr auf 116 Milliarden Euro. Der Osten trug dazu 33 Milliarden bei: Das ergibt einen Nettotransfer von West nach Ost von 83 Milliarden. Gleich noch eine Rechnung: Ende dieses Jahres läuft der erste Solidarpakt aus, mit dem der Westen den neuen Bundesländern auf die Beine helfen wollte. Bund und Länder überwiesen in den vergangenen zehn Jahren rund 90 Milliarden Soli in Richtung Osten, damit sich dort ähnliche Lebensverhältnisse wie im Westen der Republik entwickeln können. Die zweite Ausgabe des Solidarpakts ist für die Zeit bis 2019 ausgelegt, und der zuständige Minister Manfred Stolpe versicherte Anfang dieser Woche wieder, an den versprochenen 156 Milliarden Euro werde nicht gerüttelt.

An Geld vom Staat mangelt es im Osten also nicht. Dennoch fällt er zurück.

Nach anfänglichen Boomjahren mit teils zweistelligen Wachstumsraten stagniert die Wirtschaft auch im Osten Deutschlands. In vielen Regionen liegt die Arbeitslosenquote heute über 20 Prozent. Die Hauptursache: Nach der Wende machten unzählige Fabriken dicht, die Industrie stellt nur noch einen Bruchteil dessen dar, was den Kern der DDR-Wirtschaft ausmachte.

Ohne neue Industrien wird es dort nicht aufwärts gehen, darin sind sich alle einig. Mit seiner modernen Infrastruktur und den hohen Investitionszuschüssen bietet der Osten zwar exzellente Bedingungen für Investoren, doch die machen sich rar. Solange die Konjunktur in ganz Deutschland lahmt, werden auch im Osten Investitionen in neue Fabriken die Ausnahme bleiben. Und wer von Billiglöhnen und Niedrigsteuern profitieren will, der zieht ohnehin gleich weiter ostwärts. Deshalb wagt niemand, einen selbsttragenden Aufschwung in den Neuen Bundesländern vorherzusagen.

Verständlich, dass die Stimmung schlecht ist. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der vor ein paar Jahren den Osten bereits auf der Kippe sah, rät seinen Landsleuten unterdessen - ähnlich wie Helmut Schmidt auf Seite 1 dieser Ausgabe - zu einer neuen Bescheidenheit: Sie sollten nicht permanent nach Westdeutschland blicken, sondern auch nach Polen und Tschechien. Im Vergleich mit den Nachbarn könnten sie die Größe des Problems besser begreifen.