Einmal, abends, als Yannick drei Jahre alt war, habe ich ihm vor dem Einschlafen eine Geschichte erzählt, in der ein Wolf vorkam. Ein zotteliger grauer Wolf, ganz übler Bursche, böse wie alle Wölfe. In dieser Nacht konnte der Junge nicht schlafen. Schlimme Träume. Auch die folgenden Nächte waren gestört. Mit Angstaugen berichtete er von Wölfen, im Traum, unterm Bett, hinter dem Schrank. Ich hätte mich ohrfeigen können. Ein böser Wolf zur guten Nacht – dummer Vater! Nun ist Lilli drei. Meine Gutenachtgeschichten sind sanft, harmlos und einschläfernd. Neulich lag sie, anstatt zu schlafen, mit schreckgeweiteten Augen im Bett und sagte: "Da ist ein Spenst unter dem Bett." Ich hatte von Bäumen, Schmetterlingen und dem Raben Udo erzählt. Wo, zum Teufel, kam das Spenst her?

Dreijährige sind nicht mehr zwei und noch nicht vier. Das klingt trivial, hat aber Folgen. Sie sind keine Kleinkinder mehr, ohne deswegen schon groß zu sein. Sie stecken in einer Phase, die ich Pubertätchen nennen möchte. Während die Pubertät eine harte Zeit für alle Beteiligten ist, eine wirkliche Herausforderung, ist das Pubertätchen trotz Risiken und Nebenwirkungen eine wunderbare Zeit. Und für die Eltern eine Belohnung. Die ersten drei Jahre sind, besonders beim ersten Kind, unglaublich anstrengend. Kaputte Nächte, durchkreuzte Pläne, zerrüttetes Privatleben – Eltern, deren Beziehung das übersteht, dürfen wieder hoffen. Nicht nur, dass das Kind nun meist trocken ist und durchschläft, allein spielen kann und sagen, wo’s drückt. Die Eltern bekommen jetzt auch einiges geboten. Das große Kleinkind verliert nämlich beinahe schlagartig alles unstrukturiert Süße, alles niedlich Amorphe. Es wird schön, klug und witzig. Es vollzieht so gewaltige Entwicklungssprünge, dass einem bange werden kann.

Wenn es im öffentlichen Diskurs um Dreijährige geht, geht es nie um sie selbst. Sondern stets um "unsere Rente", "unsere Bildung", "unsere Zukunft". Dreijährige sind eine Ressource. Die Forschung stürzt sich auf die Säuglinge und dann auf die Schulkinder. Dazwischen gibt es nur ein paar Zahlen: Dreijährige schlafen knapp zwölf Stunden pro Tag. Sie wiegen durchschnittlich 15 Kilogramm und sind etwa einen Meter groß. Sie malen Menschen mit sehr kleinen Köpfen und sehr langen Beinen, weil Erwachsene aus ihrer Perspektive nun einmal so aussehen. Mit ihnen auf Augenhöhe sind: Schäferhunde, Türklinken, die Überraschungseier im Supermarkt. In 80 Prozent ihrer Träume beschäftigen sie sich mit Tieren, was die Marketingstrategen zu nutzen wissen – in Form von Werbefiguren und Maskottchen. Dreijährige können noch nicht lesen, erkennen aber im Stadtbild das große M von McDonald’s und den Schnörkelschriftzug von Coca-Cola – das hatten sie schon drauf, bevor sie Mama und Papa sagen konnten. Das erste Markenbewusstsein ist also schon da. Aus Kinderkleidung ist längst Kindermode geworden, und mit drei können so aus den niedlich amorphen Kleinkindern schicke Jungs und Mädchen werden.

775035 Dreijährige gibt es heute in Deutschland. Vor zehn Jahren waren es noch 250000 mehr. Die Familien werden kleiner, das Einzelkind könnte bald der Normalfall werden. Auf manchem neuen Spielplatz hat die Wippe bereits ein eingebautes Gegengewicht – für den Fall, dass nur ein Kind auf dem Spielplatz ist. Dem Einzelkind fehlt aber nicht nur manchmal ein Spielgefährte, sondern es entfällt auch die Notwendigkeit, Spielzeug, Essen und Kleidung mit Geschwistern zu teilen. So leben heute die Maries und Sophies, Alexanders und Maximilians (jeweils Platz eins und zwei der Vornamens-Hitliste des Jahrgangs 2000) nicht nur in ihrer Fantasie wie Prinzessinnen oder Prinzen, sondern oft auch in der Wirklichkeit. Die Einzelkinder werden von ihren Eltern, spendablen Onkeln und Tanten und von Omas und Opas, die oft weniger Enkel als Kinder haben, mit Geschenken überhäuft. Es gibt Leute, die entsprechend obszön hohe Summen für neue Kinderkleidung und -schuhe ausgeben. Monatlich zwischen 255 und 865 Euro (Miete und Möbel anteilig) lässt man sich heute ein Kind kosten – das macht, sagt das Statistische Bundesamt, bis zur Hälfte des Familiennettoeinkommens aus.

Allerdings steigt nicht nur der Anteil der Kinder, die in vergleichsweise üppigen Verhältnissen aufwachsen, sondern auch der Anteil der Sozialhilfeempfänger unter den Kindern: sieben Prozent sind es derzeit. Die Ahnung, dass auch Prinzen und Prinzessinnen nicht automatisch die glücklicheren Kinder sind, klingt bei den aus der Mode gekommenen Begriffen "verwöhnt" und "verzogen" an. Wer drei ist, ist heute häufig der wohlgeplante Bestandteil einer Elternbiografie, in der die Themen sich Ausleben und Karriere schon weitgehend abgehakt sind. Mit dem Thema Kind hat man bis zum biologisch allerletzten Termin gewartet, dieses Kind – alternativlos und also einzigartig – muss die Biografie krönen und natürlich ein Volltreffer sein. Der Druck ist gewaltig, die Beobachtung und Kontrolle lückenlos. Was Kinder früher überhaupt nicht kannten, kommt folgerichtig heute schon auf Dreijährige zu: Stress.

Sie können nicht lesen – erkennen aber schon das M von McDonald’s

Die Kleinen haben nicht nur Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Sie rücken auch ins Visier der Bildungsplaner. Englisch für Dreijährige – für viele ist das bereits Alltag. Die Friedrich-Ebert-Stiftung fordert: Kostenlose und hoch standardisierte Vorschulausbildung für Dreijährige! Vorschulpflicht! Das würde Kinder klüger und auch gesünder machen. Gesünder, weil eine Schule sich besser um das Essen kümmert als gestresste Eltern. Amerikanische Vorschulen statten derweil schon Dreijährige mit internetfähigen Laptops aus.

Dazu passt Conni. Conni ist die Pippi Lang-strumpf des neuen Jahrtausends – nur leider eine kreuzbrave, angepasste Buchheldin in allerlei Alltagsabenteuern: Connis erster Flug, Conni am Strand, Conni zieht um, Conni geht zum Arzt. Conni macht beim Zahnarzt den Mund auf und hält ihn ansonsten verschlossen. Nie streitet sie mit ihren Eltern, nie lügt sie, nie macht sie einen Fehler. Immer ist sie die Beste und steht am nächsten Morgen in der Zeitung – ob nach ihrem ersten Tor im Fußballverein oder nach dem Auftritt mit der Ballettschule. Eigentlich müsste jedes Buch Conni macht Karriere heißen.