Seit meiner Kindheit träume ich vom Fliegen. Für mich war dieser Traum immer untrennbar mit meinem Sport verbunden. Seit ich als kleines Mädchen festgestellt habe, dass ich ziemlich schnell laufen kann, hat mich die Idee begeistert, diese Geschwindigkeit zu nutzen, um abzuheben. Fliegen, so weit wie möglich, so lange wie möglich, am besten nie mehr den Boden berühren. In gewisser Weise ist dieser Traum in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder in Erfüllung gegangen, wenn auch nur für Sekunden.

Ein gelungener Sprung versetzt mich jedes Mal in einen Rausch – der Anlauf, der Absprung und dann der Moment des Schwebens. Sekunden, die sich ins Unendliche dehnen. In diesen Augenblicken bin ich völlig auf mich selbst fixiert, nehme die Außenwelt nicht mehr wahr. Ich fliege, in jeder Hinsicht.

Sprünge wie der 1992 in Sestriere haben sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Schon immer habe ich während des Sprunges gespürt, ob ich besonders weit fliegen würde. Und dann 1992, Sestriere! Ich bin 7,63 Meter weit gesprungen. So weit wie nie zuvor und nie mehr danach. Leider wurde daraus kein anerkannter Weltrekord, weil zu viel Rückenwind herrschte. Aber es war der Sprung meines Lebens, alles hat gepasst. Ich bin so lange geflogen wie noch nie. Danach war ich total euphorisch, ich konnte die Weite gar nicht fassen. So intensive, rauschhafte Glücksmomente, in denen alles stimmt, erlebt man im alltäglichen Leben leider sehr selten.

Jetzt, da mein Karriereende bevorsteht, träume ich davon, noch einmal 10 oder 15 Jahre geschenkt zu bekommen. Weiterhin fliegen zu dürfen. Ich weiß natürlich, dass dieser Traum sich nicht erfüllen wird. Jede Sportlerkarriere ist irgendwann zu Ende, und meine hat länger gedauert als die meisten. Und dennoch. Wie gerne würde ich mir diese Gefühle bewahren!

Wahrscheinlich fühlt jeder so – wer etwas liebt, möchte es auskosten bis zum Schluss und darüber hinaus. Aufhören bedeutet Trennungsschmerz, ähnlich dem Verlust eines Partners, mit dem man eine lange, gute Beziehung geführt hat. Aufhören bedeutet auch eine Art Entzug.

Es tut mir weh, nun mit meiner Laufbahn als Leistungssportlerin abschließen zu müssen. Doch genau genommen hat dieser Prozess schon vor vier Jahren begonnen, obwohl ich noch voll trainiere und im Herbst meine letzten Wettkämpfe bestreiten werde. Noch ein paar gute Sprünge. Noch einmal fliegen.

Aber ich musste in den vergangenen Jahren immer wieder erkennen, dass mein Körper den Anforderungen des Leistungssports nicht mehr so gewachsen ist wie früher. Es reicht ihm langsam. Er reagiert empfindlicher auf Belastungen und braucht länger zur Regeneration. Ich verletze mich häufiger, und die Verletzungen heilen langsamer. Ein normaler Prozess, ich weiß. Mit knapp 40 Jahren hat man den Belastungszenit nun einmal überschritten. Trotzdem fällt es mir schwer, mit den Schwächen meines Körpers zurechtzukommen.

Im letzten Jahr war ich lange verletzt, jede Bewegung hat geschmerzt. Auch als die Verletzungen ausgeheilt waren, liefen meine Bewegungen nicht mehr rund, ich war nicht mal mehr in der Lage, den kompletten Bewegungsablauf eines Sprunges mental nachzuvollziehen. Irgendwo gab es immer einen Bruch.