Frau und Tochter sind mit der Abendfähre abgereist, zurück von der Insel zum Kontinent. Er hat am Kai noch ein Abschiedsfoto von ihnen gemacht, in das sich mit Latin-Lover-Lächeln ein frecher junger Bootsmann drängte; jetzt sitzt er vor dem Café des kleinen Hafens, in dem nur noch ein paar Fischerbarken und die Miet-Schlauchboote dümpeln, und während er trinkt und schaut, während die Sonne sinkt und das Meer sich glättet, wird er ruhig. Wo es nachmittags noch gewimmelt hat, ist er jetzt der einzige Fremde. Ein Mädchen kehrt die Caféterrasse. Ein Mann sperrt den Container zu, der als Fährbüro und Ticketschalter dient, besteigt sein Schlauchboot und surrt hinüber zur Hauptinsel San Domino. Stehend lenkt ein Fischer seinen tuckernden Kahn in den Hafen. Genau im richtigen Moment springt er vom Bug auf den Kai und stoppt den letzten Schub mit den Händen, ein barfüßiger älterer Mann. Der Fisch, den er aus dem Boot holt, ist halb so groß wie der Fischer; in der Linken eine Zigarette, in der Rechten seinen Fang, dessen Kiemenöffnung er als Tragegriff nutzt, geht er gemächlich am Café Conchiglia vorbei ins Ristorante L’Architiello daneben. Der Gast auf der Terrasse hört Verhandlungen, die Wirtin redet wie durch ein rostiges Megafon. Vom Dialekt versteht er wenig. Aber er weiß jetzt, wo er bald essen wird.

So hat er sich das vorgestellt, abends, allein, auf der Insel San Nicola. Es geht auf sieben, er wird noch kurz in den Ort hinaufgehen. Sich kurz hinlegen, die Camparis wegdösen im dämmrigen Wohnzimmer, das ihm la Tilde für die nächsten Tage vermietet hat. Starke Frau, la Tilde, viele starke Frauen sind ihm hier schon aufgefallen, präsent und dominant, als würden sie, nicht die Männer das Inselleben leiten, la Maria, denkt er, la Marilu, und wie hieß noch gleich die muskulöse Liegestuhlverleiherin, ihr Bikini war gelb? Er sollte sich jetzt wirklich hinlegen. Wie wohl die Wirtin aussieht, die Frau zu dieser kaputten Stimme? Voce rotta, bassa, profonda… Er freut sich auf den Fisch.

Die gemeinsamen Urlaubstage haben sie auf San Domino verbracht. San Nicola, die kulturgeschichtlich interessante der sechs Tremitischen Inseln, bietet zum Übernachten nur ein paar Privatzimmer, dementsprechend verschwinden am Abend 99 Prozent der vielen Tagestouristen. San Domino dagegen hat Hotels (rund ein Dutzend), Diskotheken (zwei), Lebensmittelgeschäfte (zwei), Straßen (eine, mit Abzweigern) und Autos (zwei Dutzend? Vielleicht drei). Will sagen: San Domino ist zwar die größte Insel des Archipels, aber absolut eine kleine. Knapp drei Kilometer lang und zwei Kilometer breit, nicht mehr als ein waldiger Buckel in der Adria, 25 Kilometer nordöstlich vom Gargano gelegen, dem Sporn am italienischen Stiefel. Zu den Isole Tremiti gehören außerdem Caprara, Cretaccio und Vecchia, allesamt unbewohnte, in Schwimmdistanz beieinander liegende Felsen, sowie nominell auch das Eiland Pianosa weiter östlich in der Adria, kurz vor der Seegrenze zu Kroatien, ebenfalls unbewohnt. Der ganze Archipel ist seit 1989 Naturschutzgebiet, und auch wer nicht mit schwerem Gerät in die türkisblauen Tiefen zu Langusten und Muränen, Brassen, Barben und Barschen taucht, begreift bald, warum: Die Inseln sind einerseits klein, andererseits sind ihre zerklüfteten Felsküsten, ihre perfekten Halbmondbuchten und fantastisch geformten Grotten von solcher Schönheit, dass touristischer Andrang reguliert werden muss. Nicht alle der 350 gemeldeten isolani denken so, manche vergleichen ihre Heimat mit Capri und wollen die Inseln für den Massentourismus öffnen. Eine Minderheit, bis auf weiteres.

Sie waren zu den Inseln mit dem Aliscafo, dem schnellen Tragflügelboot, von Vieste herübergefahren. Die Fahrt dauerte eine Stunde. Als sie ankamen, war es zehn Uhr. Der Aliscafo steuerte in die schmale Wasserstraße zwischen San Domino und San Nicola. Die große Insel zeigte dem ersten Blick wenig mehr als Hafen und Wald, die kleine dagegen hielt ihn fest: Über ihrem Hafen leuchtete in allen Schattierungen von Weiß ein herrscherlicher Aufbau von Felsen und Festungsmauern, gleichsam eine umgedrehte steinerne Staffelei zwischen Meeres- und Himmelsblau, aufwärts breiter werdend, kopflastig durch Wehrtürme und Kirchgiebel. Die Festungsabtei Santa Maria a Mare ist eine Machtdemonstration. 1000 Jahre alt, einst die reichste Kloster-Holding Apuliens. Ist dann aber, so steht es in den Tremiti-Führern, verkommen zum Hafenpuff. Sie hielten Monopole im Fisch-, Salz- und Holzhandel: So viel Geld hat die Mönche verdorben.

Der Hafen von San Domino schien kaum größer als der von San Nicola, aber geradezu voll gestopft mit Schlauchbooten im Wasser, Tickethäuschen am Kai und staubigen Minibussen mit Hotelaufschrift. Rufende Menschen, suchende Menschen, wartende Menschen. Sie hatten, von Vieste aus, nach längerem Telefonieren noch ein Dreibettzimmer im Hotel Waikiki ergattert – Hochsommer, San Domino war ausgebucht. Den Waikiki-Bus gab es, aber nicht den Fahrer. Nach unschlüssigen Minuten nahmen sie ihr kleines Gepäck und gingen auf der einzigen Straße los, im Schatten von Kiefern hinauf in Richtung Ort. Weit konnte es nicht sein. Urlauber in Flip-Flops und Badesachen kamen ihnen unbeschwert entgegen, Minibusse – Hotel Eden, Hotel La Vela, Hotel Mare Blu – überholten sie mitleidlos, unter den Bäumen wuchs die Tageshitze. Nach zehn Minuten schnaubte die Gattin: "Waikiki. Was für ein geschmackloser Name." Aber dann waren sie auch schon da. Die Straße mündete in eine hübsche runde Piazza, umstanden von niedrigen Häusern, gesäumt von Cafétischchen unter Bougainvilleablüten, alles wirkte recht frisch und neu, unerwartet frei von Patina. Gleich hinter der Piazza, in zweiter Reihe: das Hotel W.

Noch vor 70, 80 Jahren war die Insel San Domino praktisch unbewohnt und unbebaut. Heute schwer vorstellbar, aber alles Menschliche auf Tremiti, Handel und Wandel, Kultur und Verwaltung, Leben und Arbeiten, Lieben und Sterben, die ganze Commedia spielte seit dem Altertum ausschließlich auf San Nicola. Diomedes, ein Held des Trojanischen Krieges, siedelte hier, weil er’s daheim bei der untreuen Frau nicht mehr aushielt, der Sage nach; in der Antike hieß der Archipel Insulae Diomedae. Dann Julia, die Forumsschlampe! Hatte exhibitionistischen Sex auf Roms Zentralplatz, wurde von Onkel Kaiser Augustus zur Strafe nach Tremiti verbannt – und begründete eine Tradition: 1792 machte Ferdinand von Aragon die Insel zur Strafkolonie für Schwerverbrecher, 1843 deportierte Ferdinando II. unerwünschte Neapolitaner dorthin, 1943 Mussolini unerwünschte Antifaschisten. Auch Sandro Pertini, der spätere Staatspräsident, war ein condannato auf San Nicola, aber weil seine Mamma in Rom einen gewaltigen Aufstand machte, nur für drei Tage.