Nasran/Inguschetien - Fast wäre Selimchan Irbagijew an den Straßensperren von Grosnyj hängen geblieben. Der Junge hatte ins 80 Kilometer und sechs Kontrollposten entfernte Nasran im benachbarten Inguschetien reisen wollen, um von sich und der Jugend in Tschetscheniens Hauptstadt zu erzählen. Doch dann lagen Leichen neben der Straße, und Soldaten riegelten die Überlandstraße ab. Schließlich holperte der Bus auf einer Ausweichroute querfeldein in Richtung Nasran, der Staubfahne anderer Autos hinterher, um die Gefahr zu mindern, auf eine Mine zu rollen.

Tschetschenien im August 2004, ein Land im Krieg, zerstört von zwei Kriegen. Am kommenden Wochenende wird es seinen bisherigen Innenminister Alu Alchanow, den Favoriten des Kreml, in einem Ritual, das man hier "Wahl" nennt, zum neuen Präsidenten bestimmen. Wie es in diesem Land aussieht, wie es in seinen Menschen aussieht, das kann man nicht den staatlich kontrollierten Medien entnehmen. Dafür bringt der Bus aus Grosnyj in Gestalt des 14-jährigen Selimchan Irbagijew einen echten Botschafter seines Landes in die Außenwelt.

Auf ein paar Blatt Papier hat Selimchan die Geschichte seiner Familie niedergeschrieben, sein Beitrag zu einem Schüler-Geschichtswettbewerb der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial. 155 Aufsätze kamen in diesem Jahr aus Tschetschenien, die bald als Buch in Russisch und Deutsch erscheinen sollen. Es sind Dokumente einer Generation, die ihre Heimat Grosnyj nur im Bombenhagel und als Trümmerwüste kennt – Schaukeln und Karrussels sahen viele zum ersten Mal als Flüchtlinge in Inguschetien.

Was berichtet der Botschafter Selimchan Irbagijew vom Leben unter russischer Besatzung? Er berichtet, vor allem, vom Sterben, vom Tod seines Onkels, seines Neffen, seines Großvaters und davon, wie ein Mord zum nächsten führt. Chas-Magomed war der Name seines Onkels. Im November 1999 wollte er den Leichnam seines getöteten Neffen zur Beerdigung ins Dorf fahren, als er unter Beschuss geriet. "Bis in seine letzte Stunde blieb mein Onkel ein gesetzesgläubiger Mensch", schreibt Selimchan, und als gesetzesgläubiger Mensch habe sein Onkel geglaubt, "dass das Schwert einen unschuldigen Kopf verschont". Der Onkel stieg aus seinem Auto, er rief: "Nicht schießen!" Dann erschossen ihn die russischen Soldaten. Seinen Leichnam warfen sie ins brennende Auto. Selimchans Großvater, so berichtet sein Enkel, starb später aus Kummer, nachdem er die übrig gebliebenen Knochen identifizieren sollte. Mehr als 20 Verwandte hat Selimchan im zweiten Tschetschenienkrieg verloren.

Man könnte vermuten, ein Junge mit dieser Geschichte müsse die Russen abgrundtief hassen. Aber das, sagt Selimchan, sei nicht so, und in diesem Urteil stimmt er mit vielen Schülern überein. Wie unbeteiligt, als urteile er aus großer Distanz, so spricht Selimchan über die Feinde seines Volkes: ein Junge, der zu früh erwachsen wurde. "Letztlich habe ich für mich verstanden: Es war eben Krieg", sagt er und erklärt, dass er die russischen Soldaten, die oft ohne ausreichend Wasser oder Brot eingepfercht in ihren Blockposten ausharren müssten, sogar bedauere.

Nur wenige Aufsätze lassen Unversöhnlichkeit ahnen. Imran aus dem Dorf Samaschki führt mit kalter Erbitterung eine Inventur der mehr als 300 Toten und zerstörten Häuser des ersten Tschetschenienkrieges durch. Er beschreibt, wie die rus-sischen Soldaten Granaten in die Keller warfen, um die Zivilisten zu töten. Was bleibt, schließt Imran, sei der tiefe Glaube an Allah.