Waren kongolesische Soldaten beteiligt, wie die Regierung in Burundi glaubt? Wieder kamen die Mörder in der Nacht. Wieder massakrierten sie ihre Opfer auf bestialische Weise – sie wurden zerhackt, erschossen, verbrannt. Und wieder waren die Toten Tutsi. Was die Überlebenden am Morgen des 14. August im Flüchtlingslager Gatumba in Burundi sahen, war die Wiederkehr des Grauens. Der Anblick der 163 Leichen erinnerte an die Schreckensbilder vom Völkermord in Ruanda vor zehn Jahren.

Aber was ist eigentlich genau passiert in dieser Nacht? Wer sind die Täter, woher kamen sie? Und warum geschehen in der Grenzregion von Burundi, Ruanda und Kongo immer wieder Massenmorde? Das sind die Fragen, die die Außenwelt stellt – wenn sie überhaupt welche stellt. Denn die Lage an Afrikas großen Seen ist so kompliziert, dass sie sich kaum noch oder nur holzschnittartig vermitteln lässt. Sie ist das Ergebnis einer tödlichen Synergie aus den Nachwehen des Völkermordes von Ruanda, dem Bürgerkrieg in Burundi und dem Zerfall des Kongos. Alle Teilkonflikte sind so eng ineinander verzahnt, dass ein Ereignis in einem burundischen Dorf Störwellen auslösen kann, die noch in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa zu spüren sind.

Mehr als vier Millionen Menschen starben – in einem Jahrzehnt

Schon die Mutmaßungen über die Täter und deren mögliche Motive spiegeln die verworrene Lage. Waren es ausschließlich Hutu-Rebellen der Nationalen Befreiungsarmee FNL, die sich zu dem Anschlag bekannt hat? Gehört dieses Blutbad zu ihrer Strategie, den Friedensprozess in Burundi zu torpedieren? Waren kongolesische Soldaten unter den Angreifern? Hat Ruandas Präsident Paul Kagame Recht, wenn er versprengte Horden der geflohenen Völkermörder von 1994 verdächtigt? Oder handelt es sich um eine "Allianz von negativen Kräften", wie der burundische Militärchef Germain Niyoyankana glaubt?

Eines ist gewiss: Wer immer die Mörder waren, es eint sie der Hass auf alle Tutsi und ihre Blutsverwandten. Zum Beispiel auf die Banyamulenge, kongolesische Tutsi. Zu dieser Ethnie gehört auch die Mehrzahl der Flüchtlinge, die nach massiven Kämpfen zwischen der regulären Armee und einem von Banyamulenge dominierten Rebellenbund aus der Stadt Bakavu hinüber ins Lager von Gatumba geflohen waren; im Kongo betrachtet man diesen Bund als fünfte Kolonne der ruandischen Streitkräfte, die deren Raubzüge im Nachbarland sichert. Der Terror in und um Bakavu, an dem vermutlich viele Flüchtlinge beteiligt waren, hat sie in der Fremde eingeholt.

Am Tag nach dem Massaker wurden im Lager von Gatumba Flugblätter gefunden. Darin erklärt eine Koalition von burundischen, ruandischen und kongolesischen Fraktionen den "Kampf gegen die Kolonisierung durch die Tutsi". Die streitbare Minderheit wird gern verdächtigt, ein Imperium an den großen Seen anzustreben, ein Tropenreich namens Hima. Eine alte Hutu-Legende, geboren aus der Machtlosigkeit. Denn Tutsi herrschen hinter der demokratischen Fassade in Burundi. Tutsi regieren Ruanda mit eiserner Faust. Tutsi kommandieren die schlagkräftigsten Armeen in der Region. Tutsi gehören zu den ökonomischen Nutznießern des Staatszerfalls im Kongo, der halb legale Handel mit strategischen Rohstoffen wie Koltan beschert ihnen reiche Profite.

Allein, die Machteliten in Burundi und Ruanda verfolgen ein ganz anderes Ziel. Sie wollen mit allen Mitteln verhindern, dass ihr Volk noch einmal abgeschlachtet wird. Nie wieder!, heißt die Losung der Tutsi, und in ihren (begründeten) Ängsten vor der Auslöschung erinnern sie manchmal an eine andere schwer bedrängte Minorität – an die Israelis. Bei der Suche nach den Ursachen der Dauerkrise verweisen sie immer wieder zurück auf den Genozid von 1994, bei dem 800000 Menschen umgebracht wurden, überwiegend Tutsi, aber auch oppositionelle Hutu. Die Welt hat diesen Völkermord vergessen, die Überlebenden in Ruanda nicht. Er hat das gesamte Zentrum Afrikas wie ein tektonisches Beben erschüttert, gewaltige Fluchtwellen ausgelöst und zwei Kriege im Kongo entfacht, die vermutlich rund drei Millionen Menschenleben gekostet haben. In Burundi hat die ruandische Tragödie den Bürgerkrieg verschärft; bei den Massakern und Gegenmassakern, die sich die Minderheit der Tutsi und die Mehrheit der Hutu dort liefern, starben seit 1993 rund 300000 Menschen. Ergibt zusammen mit den Völkermordopfern von Ruanda weit über vier Millionen Tote in einem Jahrzehnt. Aber die Weltfamilie beunruhigt das nicht sonderlich. Könnte es daran liegen, dass die Opfer die "falsche" Hautfarbe haben, wie viele Afrikaner argwöhnen?

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