Es steht nicht gut um die Versorgung von Krebspatienten in Europa. Thomas Tursz vom Institut Gustave Roussy in Villejuif, Frankreich muss es wissen. Denn Gustave Roussy ist nicht nur eine Forschungseinrichtung, sondern gleichzeitig eine große Klinik, die im Jahr mehr als 11.000 Patienten behandelt. "Die Kluft zwischen den Erfolgen in der Forschung und dem klinischen Alltag wächst beständig", warnt Tursz auf dem Euroscience Open Forum in Stockholm. Den Gesundheitssystemen in Europa fehlten Strukturen, die Innovationen zulassen oder - ganz im Sinne der Patienten - gar erzwingen würden. Hinzu komme als Hindernis für eine bessere Versorgung der ökonomische Druck, unter dem fast alle europäischen Sozialsysteme litten.

Die Folge: Nur fünf Prozent aller Krebspatienten in Europa haben Zugang zu klinischen Studien, in denen neue Therapien erprobt werden. Und nur ein geringer Teil dieser Studien ist tatsächlich neuen, zukunftsweisenden Therapien gewidmet. Thomas Tursz registriert zudem große Unterschiede zwischen den einzelnen europäischen Staaten, wenn es um zeitgemäße Versorgung von Tumorpatienten geht. Doch die Qualität der Behandlung unterscheidet sich nicht nur von Land zu Land. Tina Dalianis vom Karolinska-Institut in Stockholm hat gravierende Qualitätsdifferenzen in der Krebsbehandlung zwischen den großen Zentren - etwa in Universitätskliniken - und kleinen Krankenhäusern festgestellt.

"Bei unseren Erfolgen in der Behandlung von Krebs befinden wir uns heute in einer ähnlichen Situation wie die Infektiologie vor hundert Jahren - irgendwo zwischen Pasteur und Fleming, zwischen der Entdeckung der Krankheitserreger und der Entdeckung der Antibiotika", sagt Thomas Tursz.

"Krebs in einem alternden Europa", das ist in Stockholm ein eher deprimierendes Thema. Ein wenig Trost hält allein Peter Boyle von der Internationalen Agentur für Krebsforschung in Lyon bereit: Mit dem zunehmenden Alter der europäischen Bevölkerung müsse die Zahl der Krebserkrankungen nicht zwangsläufig zunehmen. "Alter allein ist noch keine Krebsursache", sagt Boyle. Verhängnisvoll sei nur, wenn sich mit zunehmendem Alter auch die Risikofaktoren summierten. "Wenn Sie nicht rauchen, können Sie ohne Krebs ganz schön alt werden."