Einmal im Jahr verwandelt sich Alpbach, das kleine Bergdorf im österreichischen Tirol, in ganz großes Parkett von internationalem Rang. Dann findet dort das Europäische Forum Alpbach (EFA) statt - dieses Jahr zum sechzigsten Mal. Fragen der europäischen Integration stehen in dem Forum hoch im Kurs. Gute zwei Wochen lang widmet sich die Veranstaltung dem Generalthema „Grenzen und Grenzüberschreitungen“. Politiker, Diplomaten, Ökonomen und Wissenschaftler diskutieren gemeinsam mit Studenten aus ganz Europa. So etwa im Seminar „The limits of European Integration“ bei Andrew Fielding, Sprecher der Europäischen Kommission für Beschäftigung und Soziales und Elisabeth Tichy-Fisslberger vom österreichischen Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten.

Zu komplex fürs Silbertablett

Durch die neue Verfassung soll die Europäische Union transparenter werden, sie will sich bürgernäher präsentieren. Elisabeth Tichy-Fisslberger sieht im Informationsdefizit der Bürger dennoch ein Problem: „Vielen Leuten ist es zu mühsam, sich zu informieren. Das ist wie in der Schule: Da bekomme ich viele Bücher, aber wenn ich die nicht lese, weiß ich nichts.“ Die Europäische Union sei einfach zu komplex, um auf dem Silbertablett serviert zu werden. Auffällig ist, dass die Bürger ihrer EU ein völlig unterschiedliches Maß an Vertrauen schenken. Tichy-Fisslberger führt dies auf die Geschichte zurück. So habe Großbritannien seine ganze Glorie stets daraus bezogen, sich aus dem europäischen Geschehen herauszuhalten. „Was das Vertrauen anbelangt, haben die Briten außerdem ein Grundsatzproblem“, meint Landsmann Fielding. Am ehesten vertrauen die „schwarzen Schafe Europas“ noch der Polizei, der Armee und dem BBC-Nachrichtendienst, aber selbst hier liegen die Briten im Vergleich mit anderen Nationen im Hintertreffen.

„Die Briten sind der Ansicht, durch die europäische Integration nichts zu gewinnen. Sie sehen keine direkten Ergebnisse, wie dies etwa bei den Griechen der Fall ist. Die Griechen haben sich immer dem Kern Europas zugewandt und daraus profitiert“, so Demetrios Papademetriou, Präsident des Migration Policy Institutes in Washington D.C. Profitiert haben von der europäischen Integration auch die Iren, sagt Tichy-Fisslberger: „Sie waren zwar politisch unabhängig, wirtschaftlich aber völlig an Großbritannien gebunden.“ Rainer Münz vom Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv sieht durch die Europäische Integration für viele Staaten eine Aufstiegschance, so auch im Falle Irlands: „Als die Iren die EU-Präsidentschaft übernahmen, kam plötzlich die ganze Welt zu ihnen. Und Bush hätte Bertie Ahern vermutlich nicht getroffen, wäre dieser nicht EU-Ratsvorsitzender gewesen.“ Hier unterscheidet sich das kleine Land vom großen britischen Nachbarn ganz wesentlich: Für einen Empfang im Weißen Haus ist Tony Blair schließlich nicht auf die EU angewiesen.

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